Am Alexanderplatz in Berlin wird derzeit das Puppenhaus von Barbie
auf den Maßstab von Menschen gebracht.

Im Mai soll soll das Bauprojekt – quasi schlüsselfertig – abgeschlossen sein, für touristische und ortsansässige Gäste die Türen öffnen und zur ihrer Freizeitgestaltung aktiv(ierend) beitragen. Ein solches Vorhaben polarisiert, zumal die Umsetzung im großen Stil und mit Big Budgets erfolgt.
Im Vorfeld der Eröffnung hat sich zum Beispiel die aktivistische Facebook-Gruppe Occupy Barbie-Dreamhouse formiert, weil sie den alltäglichen Sexismus direkt aus diesem Bau-Projekt heraus ableitet. Aus ihrer Sicht ist die Definition ausdatierter Geschlechterrollen darin quasi in Stein gemeißelt und fußt innen- wie außenarchitektonisch auf dem Fundament abgegriffener Klischees.
Dem Clinch liegen aus meiner Sicht die grundsätzlichen Fragen zugrunde, wie man Sexismus definiert und welche phänomenalen Formen Sexismus annehmen kann. Ist das Barbie-Dreamhouse nichts weiter als kommerzielles Entertainment mit Show-Effekt? Oder ein quasi begreif- und begehbares Manifest, das für rückwärtsgewandte Kleinbürgerlichkeit steht und als ‚ehrenwertes Haus‘ überhaupt keine Berechtigung hat? Wird darin also Unterhaltung inszeniert oder unterschwellig geschlechtsspezifische Politik tiefkonservativer Machart betrieben?

Meiner Meinung nach ist es vor allem die Überdimensionierung, die dem Barbie-Dreamhouse innewohnt, die das Projekt insgesamt definiert und hintergründige oder gar tiefsinnige Spekulationen ad absurdum führt. Ähnlich wie die Kunst-Objekte von Jeff Koons ist das tagesaktuelle bauliche „Objekt“ in Berlin sogar als Freiraum für subversive (Selbet-) Ironisierungen zu sehen – auch wenn das wahrscheinlich nicht im Sinne der Macher_innen ist. Mehr als die Aussagekraft eines Gartenzwergs mag ich darin jedenfalls nicht festmachen. Mitunter bezweckt ein solcher Gnom nämlich lediglich, sich als Gnom zu zeigen und „da sein“ zu dürfen.
Mich beunruhigen vielmehr die unmittelbaren Formen von Sexismus. Wenn die Kollegin zum Beispiel davon berichtet, dass sie bei der Präsentation rhetorisch ins Stocken geriet und ihr Gegenüber dazu kommentierte, das sei verständlich, angesichts eines unwiderstehlichen Mannsbilds wie ihm. Wo ein Wille sei, sei übrigens meist ein Gebüsch. Oder wenn die Plakat-Werbung im S-Bahnhof bildsprachlich suggeriert, dass das speziell für Männer entwickelte Deodorant quasi jede Frau sexuell enthemmen würde. Letzteres hat kreative Formen der Gegendarstellung motiviert: In Berlin sind die Aktivist_innen dabei, lila Farbbeutel auf die Bildflächen dieser Reklame-Tafeln zu werfen.

Ich habe vergleichsweise ‚konventionell‘ gehandelt und beim Deutschen Werberat eine Beschwerde eingereicht.

Über SATZBAUWERK - Jana V. Chantelau

In Berlin leite ich die Agentur SATZBAUWERK. Meine Schwerpunkte liegen in der Texterstellung, Kampagnen-Planung und Krisenkommunikation.

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