Die Friseur-Meisterin Edda Waidmann hat sich entschlossen, den ultimativen Schnitt zu setzen: Sie will den Ruhestand bewerkstelligen. Zur Jahresmitte sollen die Jalousien am Salon Thomas heruntergelassen bleiben, „obwohl ich viel zu gern Haare wasche, färbe, töne, schneide und föne“, meint ‚Frau Edda‘. Was treibt sie zur Rente also an?

Als ihr die Friseur-Innung im letzten Jahr Tickets für das Musical Hinterm Horizont schenkte, erinnerte sich Edda, dass sie „Visagistin werden wollte“, sagt sie. Vor allem, um Menschen optisch zu optimieren, in Szene zu setzen und „die Perücken zu knüpfen.“ Auf Mini-Job-Basis und im Ehrenamt für Jugend-Theatergruppen könnte das noch funktionieren. Als ich daraufhin mit ihr in die Berliner Theatersäle hinauszog, fiel Edda auf, dass sie in den vergangenen 15 Jahren das Kulturleben jenseits von Berlin-Wedding und Berlin-Moabit kaum mitbekommen hat. „In den 42 Jahren unserer Ehe ist mein Mann Rolli immerhin zweimal mit mir ins Theater gegangen, obwohl er damit überhaupt nichts am Hut hat. Er freut sich, dass ich mehr als deine Haare kenne, Jana. Dass ich weiß, wann du eine Aufführung sehen willst. Und welche. Und ob du mich ab und an mitnimmst.“
Solange sie und Rolli für Reisen gesund genug sind, will Edda mit ihm noch mal die Ostsee sehen und nach Italien fahren. „Als mein Sohn Thomas klein war, waren wir da und dort. Von einem Friseur in Nizza habe ich noch was über die Schnitt-Technik lernen können. Ich habe ihm die Berliner Wasserwelle beigebracht.“
Wenn Edda daran zweifelt, ob sie das richtige Jahr für ihr ‚Projekt Ruhestand‘ getroffen hat, vergegenwärtigt sie sich, was sie nach ihrem Ladenschluss tun will. Zum Beispiel: Mit Rolli im Café Kranzler Kuchen essen und festhalten, was sich seit den 60ern Jahren dort verändert hat. Mir Rumba tanzen beibringen. Aus meiner Wahrnehmung heraus sind es u.a. diese Aussichten, die Eddas Motivation zurzeit aufrechterhalten.
Ein anderer Grund ist, dass ihr Mann Rolf den Renteneintritt bereits gemeistert hat. Er kennt den Club aus dem Effeff und ebnet ihr den Weg. Noch ein anderer Grund ist, dass Eddas Knochen knarren und ihre Haut altersbedingt buchstäblich dünner wird.

Bis dato hat sie mehr als fünf Jahrzehnte lang im Stehen gearbeitet und in ihrem ‚Hand’werk die Hände hautnah eingesetzt – nicht bloß in Bezug auf Eiswasser. Färbungen, Tönungen und Dauerwellen erfordern oft (bio-)chemische Beimischungen, die Spuren nach sich ziehen.

Über SATZBAUWERK - Jana V. Chantelau

In Berlin leite ich die Agentur SATZBAUWERK. Meine Schwerpunkte liegen in der Texterstellung, Kampagnen-Planung und Krisenkommunikation.

Eine Antwort »

  1. Als ich heute in den Feierabend ging, wurde ich von Edda übrigens flugs noch vom Bürgersteig gekratzt, weil sie die ersten Termine für die Rumba-Tanzstunden fix machen wollte – gesagt, getan – gebonnt!

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