Ausbildungsniveaus, Innovationskraft und technologische Fort- bzw. Rückschritte sind branchenübergreifende Kennzeichen für den Gesamtzustand eines Wirtschaftszweigs.

Deshalb diskutiere ich mit Unternehmer_innen u.a. über die Branchentrends, die in ihren Geschäftsfeldern sichtbar werden – oder ausbleiben. Im Rückblick auf die vergangenen 40 Jahre benennt Friseur-Meisterin Edda Waidmann die Entwicklungslücken innerhalb ihres Handwerks.
Die Qualität der Ausbildung habe sich verschlechtert statt verbessert. Die Innovationsfähigkeit reiche derzeit allein dafür aus, traditionelle Schnitttechniken wie etwa den Messerschnitt wiederzuentdecken und Renaissancen solcher Art als ‚Neuheiten‘ zu verkaufen.
Die technische Ausstattung sei fehleranfälliger geworden, ohne – quasi als Ausgleich – spürbare Arbeitserleichterungen zu bringen. Weil diese Zustände sogar Eddas handwerkliche Herzensfreude eintrüben, habe ich sie gebeten, Verbesserungsvorschläge zu machen. Und sich dabei vorzustellen, dass sie die Gestaltungsmacht hätte, ihre Anregungen auch wirklich durchzusetzen. Zwar murmelte Edda daraufhin erst einmal etwas wie „hätte, hätte – Fahrradkette.“
Während sie mir die Haare schnitt und in Form trimmte, entwickelte sie folgende Ideen zur Reform ihrer Branche:

  • Ausbildungsstandards: Bei den Abschlussprüfungen der Handwerkskammer würden die ‚Prüflinge‘ ihre Haar-Modelle nicht selbst bestimmen.

Stattdessen obläge es der Prüfungskommission, diese ‚Freiwilligen‘ zu stellen. Als personenbezogene Auswahlkriterien griffen vor allem wirklichkeitsnahe ‚Herausforderungen‘. In Bezug auf die handwerklichen Fähigkeiten sei u.a. relevant, mindestens ein ‚Fall-Beispiel‘ mit problematischer Haarstruktur miteinzubeziehen. In Bezug auf die Service- und Beratungsqualität sei u.a. empfehlenswert, pro Prüfling mindestens ein Haar-Modell zu finden, das Schwierigkeiten damit hat, präzise und verständlich zum Ausdruck zu bringen, welcher Schnitt bzw. welche Haarbehandlung eigentlich gewünscht ist. Edda meint: „Wenn jemand zum Beispiel sagt: ‚Ich will eine Dauerwelle haben‘, sollte man zumindest nachfragen, welche Art von Dauerwelle eigentlich gemeint ist.“

  • Innovationsschübe: „Meine privaten Urlaubsreisen habe ich u.a. genutzt, um mir von den Friseur_innen des Gastlandes ’ne Scheibe abzuschneiden.

Zum Beispiel, indem ich stundenweise in ihren Salons mitgearbeitet habe,“ meint Edda. Neben der Vielfalt unterschiedlicher Regionen Europas sei dabei hilfreich gewesen, dass sich – zumindest gemäß ihrer Erfahrung – der Berufsstand der Friseur_innen im Zweifelsfall ohne Worte verständigen kann – nämlich kurzerhand über das handwerkliche Machen.
Flankierend dazu sieht Edda Sinn darin, zugunsten von ‚Forschung und Entwicklung‘ interdisziplinär zu denken. „Ich habe zum Beispiel auch mit einer Textil-Schere die Haare geschnitten, um einen speziellen Effekt zu erreichen. Danach bestand der Kunde darauf, dass ich ihm nur noch damit ‚an die Wolle‘ gehe,“ berichtet Edda.

„Meine Trockenhauben habe ich in den 60er Jahren angeschafft und häufig eingesetzt. Trotzdem laufen sie bis heute tipp-topp in Ordnung“, stellt Edda fest. Sie führt das darauf zurück, dass es sich um hochwertige Produkte ‚made in Germany‘ handelt und bei der Konstruktion beachtet wurde, dass Staub und Schmutz leicht entfernbar sind.
Edda folgte dem Grundsatz: ‚Buy best – cry once‘ (zu Deutsch in etwa: ‚Lieber einmal tief in die Tasche greifen, als dem Geld doppelt nachzuweinen‘.) „Das Zeugs war schon damals alles andere als billig,“ so Edda.“Aber ich wusste, dass Qualität diesen Preis verlangt.“ Und das Prinzip, dass alte Kontruktionspläne hervorgeholt werden, um als ’neu‘ zu erscheinen, hat sie bereits erlebt: bei der eingangs erwähnten Messerschnitt-Technik. Edda praktiziert den ‚Messerschnitt‘ übrigens seit rund 30 Jahren, mit einem speziell geschliffenen Rasiermesser. Demnächst schließt der Salon Thomas, weil Edda in den Ruhestand geht.

Über SATZBAUWERK - Jana V. Chantelau

In Berlin leite ich die Agentur SATZBAUWERK. Meine Schwerpunkte liegen in der Texterstellung, Kampagnen-Planung und Krisenkommunikation.

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