Mein Umfeld ist u.a. von Schauspieler_innen bevölkert. Mitunter erzählen sie, wie sie über Nacht Rolle eine lernen – samt Sprechtext und Figurenentwicklung – etwa, wenn ad hoc eine Krankheitsvertretung ins Haus steht. Neben ihrer Ausbildung hilft ihnen die Bewegungsarmut der Nacht, die Stille – und die Dunkelheit.

Nachdem der eigene ‚tote Punkt‘ der Müdigkeit erst einmal überwunden sei, seien sie
– zumindest nach eigener Erfahrung und Einschätzung – zuverlässig imstande, ihre kreative Produktivität auf ein überdurchschnittliches Maß heraufzuheben.
Ein Versuch der Technischen Universität Dortmund mit dem dortigen Institut für Forschung und Transfer e.V. (RIF) wies in diesem Frühjahr darauf hin, dass berufsbedingte Erfahrungen solcher Art möglicherweise auch auf andere Arbeitsbereiche übertragbar sind. Im Auftrag der Kölner Unternehmensberatung Lichtlos organisierte der Marketing-Experte Prof. Hartmut Holzmüller 14 Kreativ-Workshops, in denen 40 Studierende und 34 Führungskräfte in diverse Kleingruppen aufgeteilt wurden.
Die Hälfte der Teilnehmer_innen legte potentielle Lichtquellen wie Handys oder Armbanduhren ab und wurde anschließend in einen Raum mit ‚absoluter Finsternis‘ gebracht, um gemeinsame Ideen zu entwickeln, zum Beispiel zu Fragen wie: „Was kann man mit einer Zeitung machen?“ oder: „Welche Dinge sind rund?“ Die andere Hälfte der Probanden beantwortete dieselben Aufgaben unter ’normalen‘ Arbeitsbedingungen und üblichen Lichtverhältnissen.
Als Prof. Hartmüller die Arbeitsergebnisse abglich, kam er zu der Schlussfolgerung, dass diejenigen, die im Dunklen gearbeitet hatten, rein quantitativ rund ein Drittel mehr Einfälle gehabt hatten. Zudem war die Qualität origineller als in den Vergleichsgruppen.

Aus wissenschaftlicher Sicht liegen dafür u.a. folgende Gründe nahe:

  • In der Gruppe erlebte Dunkelheit suggeriert eine potentielle Krisenlage, sodass die menschliche Sinneswahrnehmung hypersensibilisiert wird und quasi in den Modus der  ‚Alarmbereitschaft‘ schaltet. Dadurch erweitert sich das Bewusstsein naturgemäß – also: ohne den Einsatz von chemischen Substanzen wie Medikamenten, Alkohol o.ä. Drogen.
  • Wegen der Außergewöhnlichkeit der Situation tritt eine Enthemmung ein, die soziale Barrieren niederreißt und persönliche Freiräume schafft, die weiter gefasst sind als unter normalen Bedingungen.

Weil kommunikative ‚Schlüssel‘ wie etwa Körpersprache oder Mimik von der Finsternis ‚verschluckt‘ werden, bekommt der Tonfall der Stimme wie auch der Inhalt des gesprochenen Wortes eine höhere Signifikanz für den Gedankenaustausch innerhalb der Kleingruppe. Einen ähnlichen ‚Effekt‘ enthält übrigens der Film Blue (1993) von Derek Jarman (1942 – 1994).

Über SATZBAUWERK - Jana V. Chantelau

In Berlin leite ich die Agentur SATZBAUWERK. Meine Schwerpunkte liegen in der Texterstellung, Kampagnen-Planung und Krisenkommunikation.

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