„Wie wir begehren“ von Carolin Emcke
S. Fischer Verlag, 4. Auflage 2012
256 Seiten, € 19,99

Carolin Emcke schöpft aus ihrem privat-intimen Erfahrungschatz, um zeit-symptomatische Strömungen darin auszumachen. Ihre leitmotifische Argumentation folgt der sogenannten ‚Politik der ersten Person‘, führt also aus, dass das Private u.a. der Ausdruck des (sozial-) politischen Lebens sei und entfaltet hohe Überzeugungskraft durch den poetischen Schreibstil, die geschickt gesetzten Themenschwerpunkte, die hintergründige Recherche und den Mut zur autobiografischen Selbst-Konfrontation.
Als ausgebildete Kriegsberichterstatterin und Philosophin zieht Carolin Emcke aufschlussreiche Aktualitätsbezüge und beschreibt, wie die individuelle Identitäts- und Persönlichkeitsentwicklung durch generationstypische Einschläge in der Sozial-, Kultur- und Politikgeschichte geprägt wird – mal in Form von Lebensnarben, mal in Form von Horizonterweiterungen, meist mit der Konsequenz, das eigene unabhängige Denken voranzutreiben oder resigniert aufzugeben.
Vor diesem Hintergrund ergeben sich Schnittstellen zu den Werdegängen derjenigen, die zwischen 1965 und 1975 zur Welt kamen und in den sogenannten ‚alten‘ deutschen Bundesländern sozialisiert wurden.

 

„Auf der Schwelle des Fremden: Das Leben der Annemarie Schwarzenbach“
von Alexis Schwarzenbach

Collection Rolf Heyne, 2011
420 Seiten, € 29,90

Aus meiner Sicht gibt es Querverbindungen zwischen dem publizistischen Schaffen von Carolin Emcke und dem Œuvre von Annemarie Schwarzenbach. Beide Frauen sind bzw. waren vergleichsweise privilegierter Herkunft, ohne sich im öffentlichen Raum besonders darum zu scheren. Außerdem gehören das Streben nach persönlicher Unabhängigkeit wie auch die Auseinandersetzung mit Krieg zu den Lebensthemen von Annemarie Schwarzenbach. Sie befasste sich – ähnlich wie Emcke – vor allem damit, wie sich der Krieg in Europa auf die zwischenmenschlichen Verbindungen innerhalb der Familie auswirkt, welche Schneisen in ihrem Freundeskreis geschnitten werden, wie sie sich selbst dazu verhält und welche Beweggründe sie dafür findet.
Als Historiker nutzt Schwarzenbachs Großneffe Alexis private wie öffentliche Quellen, um nachzuzeichnen, wie eine fragile Frau aus der Schweiz ihren Lebensmut mit dem journalistischen Talent zusammenbringt und selbstbewusst öffentliche Bühnen betritt.
Letztlich scheitert sie leider an den Bedingungen ihres Lebens, ihrer Zeit – und vor allem an sich selbst.

 

„Janet Flanner – Darlinghissima: Briefe an eine Freundin“
herausgegeben von Natalia Danesi Murray

Antje Kunstmann GmbH München, 1995
325 Seiten, z.Z. vergriffen, in Antiquariaten sicherlich auffindbar

Die U.S.-Amerikanerin Janet Flanner lebte rund 50 Jahre in Paris; spätestens ab dem Jahr 1940 lag ihr Lebensmittelpunkt in der französischen Hauptstadt. Als Korrespondentin des U.S.-amerikanischen Magazins The New Yorker berichtete sie über die Kriegszustände um sie herum. Aufgrund ihrer objektiven Haltung, ihrer sprachlichen Direktheit und ihrer Gabe für Netzwerkbildung erreichte Flanner flugs ein hohes gesellschaftliches Ansehen und war entsprechend häufig auf Partys zugegen. Während einer solchen Feier kam es zur fast schicksalhaft anmutenden Begegnung mit der wesentlich jüngeren U.S.-Amerikanerin italienischer Herkunft Natalia Danesi Murray. Die beiden Frauen verband flugs eine leidenschaftliche Liebe, die mindestens bis zum Tod Janet Flanners anhielt, vermutlich sogar darüber hinaus. Denn die private Korrespondenz, die Danesi Murray anschließend höchst selbst editierte, kommentierte und publizierte, war ursprünglich gar nicht für die Veröffentlichung vorgesehen, sondern hatte strikt persönlichen Charakter.
Für Flanners Leserschaft erweist sich die Herausgabe des Briefwechsels als Glücksfall. Damit wird die ‚Lücke‘ geschlossen, die die Reportagen aufweisen: nämlich Flanners private Sicht auf ihre ‚Mitmenschen‘, ihre Motivation für persönliche Wendepunkte und ihre subjektive Betrachtung historischer Ereignisse.

 

„Djuna Barnes: Im Dunkeln gehn. Briefe an Emily Coleman“
herausgegeben und kommentiert von Mary Lynn Broe

Wagenbach-Verlag, 2002
196 Seiten, € 22,50

Djuna Barnes und Emily Coleman verband, dass sie sich sowohl als Journalistinnen wie auch als Schriftstellerinnen einen Namen machten, häufig miteinander stritten und aus ihrer Freundschaft trotzdem kaum herausfanden. Der Band spiegelt ihre Korrespondenz der Jahre 1934 bis 1938 wider.
Neben der Frage, wie Barnes‘ New Yorker Erfolge zu gewichten seien, steht im Zentrum der Korrespondenz, wie man mit Sehnsüchten und Einsamkeitsgefühlen zurechtkommt – oder am einen wie am anderen fern der Heimat kaputt gehen kann.
Dass überhaupt möglich ist, ihre schriftlichen Wortgefechte nachzulesen, ist zuvorderst ein Verdienst von Emily Colemann, denn Djuna Barnes war leider auch dafür bekannt, ihre Manuskripte, Briefe u.ä. Dokumente der Selbst-Dokumentation zu verbrennen – vor allem während der Phasen von Verzweiflung, Zwiespalt oder innerem Aufruhr.

 

In diesem Blog veröffentliche ich demnächst Buch-Tipps mit Berichten über die Arbeit und das Leben von Journalisten – und zwar nicht allein aus Gründen der Geschlechtergerechtigkeit heraus.

Über SATZBAUWERK - Jana V. Chantelau

In Berlin leite ich die Agentur SATZBAUWERK. Meine Schwerpunkte liegen in der Texterstellung, Kampagnen-Planung und Krisenkommunikation.

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