Ein berufliches oder persönliches Ansehen passt zwar in keine Klamotten. Dennoch vermittelt der Dresscode einen Eindruck von der Individualität des Gegenübers und hat innerhalb der ‚Gesetzmäßigkeiten‘ westlicher Normen eine Aussagekraft über den sozialen, beruflichen bzw. schulinternen Status von Männern, Frauen, Jugendlichen und Kindern.

Beispielsweise wird in der Polizeiarbeit mit Personenbeschreibungen hantiert, die u.a. aufführen, welche Kleidung ein vermisster, gesuchter oder gar zur Fahndung ‚ausgeschriebener‘ Mensch vermutlich zuletzt getragen hat.
In einem solchen Zusammenhang macht erfahrungsgemäß tatsächlich Sinn, die äußere Erscheinung zu erfassen und kategorisierend einzuordnen – etwa, indem das tatsächliche Lebensalter dem allgemein zugeschriebenem Alter gegenübergestellt wird, wenn jemand allgemeinhin jünger bzw. älter wirkt als er/ sie in Wirklichkeit ist.
Oder wenn die Tagesgarderobe kulturell spezifische Merkmale miteinbezieht, die Rückschlüsse auf die Alltagserfahrungen und Lebenshaltungen nahelegen, bzw. auf den sogenannten ‚Lebenswandel‘ insgesamt  – etwa traditionelle Gewänder, Kopftücher u.ä. schmückende Accessoires.

Jenseits des privaten Alltags greift man mitunter auch in den Schuh- und Kleiderschrank, um auf der beruflichen Bühne eine inhaltliche Aussage
(selbst-) bewusst zu versinnbildlichen.

Diese Zweckdienlichkeit wird gelegentlich sichtbar bei sogenannten ‚Personen des öffentlichen Lebens.‘  Ein Paradebeispiel dafür inszenierte Joschka Fischer im Dezember 1985: Zur Vereidigung als Staatsminister für Umwelt und Energie betrat er den Sitzungssaals des hessischen Kabinetts… in Turnschuhen.
Damit kreierte Joschka Fischer ein Symbol-Bild, das über Jahrzehnte hinweg als stellvertretende Ausdrucksform einer basispolitischen Haltung gedeutet worden ist und sich zudem im kollektiven Bewusstsein der bundesdeutschen Öffentlichkeit verankert hat. Was dabei mitunter beflissen übersehen bleibt ist allerdings, dass dieser öffentliche Auftritt in eine Zeit fiel, in der er als erster ‚grüner‘ Minister die Wahl- und Achtungserfolge der Partei Die Grünen (heute: Bündnis 90/ Die Grünen) personifizierte bzw. buchstäblich ‚verkörperte.‘
Dadurch war seine eigene Machtposition ausreichend manifestiert, um tradierte Erwartungen artikuliert zu überkreuzen und auch in punkto Kleidungsstil ‚extrovertiert‘ mehr Spielraum zu reklamieren als anderen Mandatsträger_innen üblicherweise zugestanden würde.
In diesem Zusammenhang ist u.a. der überwiegend politisch besetzte Begriff ‚Lookism‘ relevant. Damit wird vor allem beschrieben, dass Kleiderordnungen, die mehrheitlich als mehr oder weniger hinnehmbar gelten, einer möglichst sachakkuraten Trennlinie bedürfen, um beispielsweise diskriminierende Klischees von bewusst gesetzten Provokationen abzugrenzen.

Wenn etwa ein_e Bewerber_in im Hooligan-Outfit zum Gespräch erscheint, sind personenbezogene Zweifel an der Treue zum deutschen Grundgesetz durchaus berechtigt.

Wenn sich ein_e Bewerber_in hingegen mit einem Davidstern schmückt, ist weder eine Glaubenszugehörigkeit noch ein Musikgeschmack daraus abzuleiten; die Zuschreibung persönlicher Wertvorstellungen wäre in diesem situativem Fall nichts anderes als abwegig.

Zudem zeigt sich der Bildungsgrad eines Menschen in keiner Hautfarbe, keinem Kostüm, keinem Anzug – und in keiner geschlechtlichen Zugehörigkeit.

Nichtsdestotrotz gilt die Volksweisheit, dass Kleider manchmal ‚Leute‘ machen und anno dazumal manch ein Kaiser manchmal nackt ging. De facto konnte er sich kraft seines Amtes einst solche Extravaganzen ‚gestatten‘, während ein Edelmann – zumindest dergestalt – jederzeit flugs ins gesellschaftliche Abseits geriete. In diesem Licht besehen scheint mir der Mode-Designer known as Harald Glööckler ein selbsternannter Zar – ohne Krone – zu sein.

Über SATZBAUWERK - Jana V. Chantelau

In Berlin leite ich die Agentur SATZBAUWERK. Meine Schwerpunkte liegen in der Texterstellung, Kampagnen-Planung und Krisenkommunikation.

Kommentar zur Freigabe einsenden:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s