Einen Gedanken, ein Objekt oder gar einen Menschen zu verkennen bzw. zu verdrängen gehört zu den inner- und zwischenmenschlichen Prozessen des Alltags. In der Regel sind solche Akte des Verdrängens einfacher zu leisten, als aus dem Moment heraus zu verstehen…

  • …was man da ‚eigentlich‘ umschifft
  • …warum man ‚etwas‘ auf die lange Bank schiebt
  • …und wie ‚man‘ (selbst) bzw. ‚jemand‘ (anderes) die Weichen dafür stellt.

Mit dem Bewusstsein, eine innere Mauer zu bauen, einen kommunikativen Schutzwall zu errichten oder eine opfergerechte Dornenkrone ins Haar gedrückt zu bekommen plagt sich schließlich keiner gern ab. Auf der Gefühlsebene liegt solchen Verdrängungsprozessen u.a. das eigene Empfinden für Schuld, Gerechtigkeit und Verantwortung zugrunde. Daran sind auch die Impulse gekoppelt, sich verteidigen zu wollen. Oder sich abzugrenzen. Anzuecken. Oder in die Defensive zu gehen. Oder sich mit aller Vehemenz durchzusetzen.
Das führt zwangsläufig zu Stress, weil die Störungsursache lediglich ‚bewegt‘ und de-plaziert wird, statt sie konfrontativ aus der Welt zu schaffen. Der Stein des Anstoßes springt gewissermaßen an eine neue Stelle wie der sprichwörtliche ‚Kai aus der Kiste‘, beispielsweise, indem man sich selbst als Teil der Lösung definiert statt zu akzeptieren, integraler Teil des Problems zu sein.
Daraus zieht man zunächst sogar scheinbaren Nutzen – wie etwa Verteidigungsminister Thomas de Maizière, als er in der sogenannten Drohnen-Affäre einräumte, die Entscheidungen seines Ministeriums seien „fehlerhaft zustande gekommen.“ Im Anschluss verweigerte er sich allerdings darin, die personellen – geschweige denn: die persönlichen – Konsequenzen zu ziehen.

Der Grund-Konflikt bleibt trotzdem bestehen – wie auch
der offensichtliche Versuch der Verlagerung.

Im Fall des ‚Verteidigungsministers‘ de Maizière ist durch letzteres eher Reibungsenergie als Reibungsverlust entstanden: Auf dem dienstlichen Transportweg sind nämlich neue Informationen hinzugekommen, die sich jederzeit neu entfachen können. Das Verschiebungsmanöver befeuert daher lediglich den Vertrauensverlust, insbesondere, weil die Verknüpfungen zum ursprünglichen Kontext verschüttgehen. Die ‚Wurzel allen Übels‘ ist seither schwerer auszumachen als vorher. Die Krux ist, dass die meisten Menschen – vielleicht sogar Thomas de Maizière – unbewusst in ihre inneren Verdrängungsmechanismen hineinrutschen.
Denn dazu bedürfen sie keiner bewussten Absicht. Mitunter laufen die unbewussten Ausblendungen sogar konträr zum eigenen ‚besten Willen‘. Vor diesem Hintergrund haben u.a. Psychiater wie C. G. Jung (1875 – 1961) diverse Feldversuche durchgeführt, um herauszubekommen, was auf der unbewussten Ebene ‚eigentlich‘ abläuft, wenn einem ‚etwas‘ sehr unangenehm ist.
Ab dem Jahr 1905 stellte C. G. Jung in seinen Assoziationsstudien beispielsweise fest, dass die Probant_innen zunehmend in Stress gerieten, je schwerer es ihnen fiel, passende Wort-Assoziationen zu vorgegebenen Begriffen zu entwickeln. Jung leitete daraus einen diagnostischen Schnell-Test für verdrängte Inhalte ab. Er nahm dabei an, dass das, was man beiseite schieben will, in der Regel schwer über die Lippen kommt.

Um zu erforschen, was ‚eigentlich‘ auf der bewussten Ebene passiert, zog der U.S.-amerikanische Psychologe Michael Anderson im Jahr 2004 die hirnbiologischen Prozesse hinzu.
Er fand u.a. heraus, dass beim bewussten Verdrängen ein Hirnareal im präfrontalen Kortex besonders hohe Aktivität aufweist und die motorischen und geistigen Verarbeitungsvorgänge eindämmt. Parallel dazu verlangsamen sich augenscheinlich die Prozesse im Gedächtniszentrum, dem Hippocampus. Kurzum: Die Merkfähigkeit sinkt – wie auch die Kompetenz, klar zu denken und zu sprechen.

Über SATZBAUWERK - Jana V. Chantelau

In Berlin leite ich die Agentur SATZBAUWERK. Meine Schwerpunkte liegen in der Texterstellung, Kampagnen-Planung und Krisenkommunikation.

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