In den USA wird ein Truthahn monatelang täglich vom Farmer gefüttert. Nach 67 Tagen erwartet der Vogel, dass der Farmer auch am nächsten Morgen mit Körnern erscheinen wird. Stattdessen sieht das Federvieh tags darauf das Beil.

Dass ausgerechnet dieser Farmer zu den US-Amerikanern gehört, die Thanksgiving auf traditionelle Art feiern, ist die entscheidende Information, die dem Truthahn gefehlt hat, um seine Lebenschancen zu wahren. Diese sogenannte ‚Truthahn-Illusion‘ zeigt in punkto Risiko-Management, wie schwierig Wahrscheinlichkeitsprognosen tatsächlich sind.
Ein lebensversichernder ‚Garantieschein‘ würde nämlich eine Rechenformel erfordern, in der jeder Wert dauerhaft gleich bliebe. Die reale Welt gibt solche verlässlichen Gesetzmäßigkeiten nicht her. Diese relativ einfache Tatsache wird ab und zu selbst von diplomierten Physiker_innen mit hochrangiger Verantwortung verkannt.
Ihrer wissenschaftlichen Ausbildung zum Trotz unterschätzte zum Beispiel Bundeskanzlerin Angela Merkel das Gefahrenpotential, das die Atomenergie auf die menschliche Daseinsvorsorge ausstrahlt. Ihre ‚Vogel-Strauß-Politik‘ trug nur solange, bis in einem technologisch hoch entwickelten Staat wie Japan die nukleare Katastrophe von Fukushima (zu Deutsch: ‚Glücksinsel‘) weite Teile des japanischen Lebensraums über Generationen hinweg unbewohnbar machte.

Der ‚Störfall‘ aus Fernost brachte ins globale Bewusstsein zurück, dass Worst Case Scenarios auf fiktiven Eventualitäten fußen, die mithilfe von normativen Definitionen und wahrscheinlichkeitstheoretischen Annahmen zutreffen oder eben fehlschlagen.

Zudem zeigte das Desaster von Fukushima, dass scheinbar nebensächliche Details bzw. die vermeintlich ‚unwahrscheinliche‘ Anhäufung ‚außergewöhnlicher‘ Ereignisse flugs zu Schlüsselfaktoren werden können, vor allem, wenn ihre Bedeutungsgrößen im Vorhinein falsch zugeordnet wurden.
Um inhärente Risiken effektiv zu minimieren, braucht man neben rationaler Reflektion deshalb auch ein Maß voll unbewusster Intelligenz – kurzum: Intuition. Schlechterdings ist intuitives Wissen in keiner Online-Suchmaschine abrufbar, sondern quasi ‚eingeschrieben‘ in den bewussten Geist und den beseelten Körper einzelner Menschen.
Nach dem Motto ‚Probieren geht über Studieren‘ sind aus diesem Grund experimentelle Versuche unverzichtbar, um mögliche Erfolgs- bzw. Fehlerfaktoren zu analysieren – etwa in Form von Testreihen unter realen Bedingungen oder durch den Wissensaustausch zwischen artverwandten Forschungsdisziplinen. Dabei nützen u.a. folgende leitgedankliche Fragen:

Ein Knackpunkt liegt u.a. darin, dass das
intuitive Können zu hapern beginnt,
sobald man versucht, es anderen zu vermitteln.

Zum Beispiel beherrschen die meisten Segler_innen den Palstek aus dem Effeff heraus – bis ein Laie ihnen auf die Finger schaut und um Erläuterungen bittet, um diese Art der Knotenbindung selbst zu erlernen.
Anhand solcher Art bewusster Reflektion zu erleben, was ein Verhalten stärkt bzw. schwächt erweitert den eigenen empirischen Horizont und taugt dazu, die Risiken im Griff zu behalten, wenn es im Ernstfall darauf ankommt – beispielsweise hoch zu Wasser.
Flankierend zur Intuition nutzen Segler_innen auch die Auswertung massiver Datensammlungen, zum Beispiel von Wetterdiensten. Allerdings überprüfen sie diese quantitativ erhobenen Informationen in der Regel qualitativ in der Live-Situation vor Ort, etwa mit einem Blick auf den Wellengang, um einzuschätzen, aus welcher Richtung der Wind tatsächlich weht, ob man mit Wechselwind zu tun bekommen wird und ob die Windstärke zur Stunde böig ist oder abflaut.
Aus solchen Beispielen lässt sich ableiten, dass professionelles Risiko-Management erst dann Sinn ergibt, wenn man in kollektiv zusammengetragenen Informationsverzeichnissen bedeutungsvolle Muster erkennt und korrekt interpretiert – und zwar in Bezug auf ‚typische‘ Wiederholungen wie auch in Bezug auf ‚markante‘ Abweichungen jenseits der Norm.

Über SATZBAUWERK - Jana V. Chantelau

In Berlin leite ich die Agentur SATZBAUWERK. Meine Schwerpunkte liegen in der Texterstellung, Kampagnen-Planung und Krisenkommunikation.

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