In Großbritannien war die jüngst verstorbene vormalige Premierministerin Margaret Thatcher u.a. dafür bekannt, dass sie ihre Friseurin nicht allein wegen schnitt- und farbtechnischer Typberatung konsultierte.

Während ihr die Haare gemacht wurden, fragte die ‚Iron Lady‘ mitunter gezielt nach volksnahen Kommunikationsstrategien, um zum Beispiel ihre Regierungspolitik populistisch zu verpacken oder um partei-interne Konflikte zu parieren. Seines spärlichen Haupthaares zum Trotz pflegte auch der Maler und Bildhauer Pablo Picasso (1881 – 1973) eine enge Freundschaft zu seinem Coiffeur. Die beiden Männer tauschten sich politisch, kulturell und sogar in ihren intimen Liebesangelegenheiten miteinander aus.
Kurzum: In punkto Menschenkenntnis, Sprachgenauigkeit und Themengespür sind passionierte Friseur_innen oft bemerkenswert kompetent, zumal sie die Alltagsgeschichten ihrer Kundschaft wortwörtlich ‚live und in Farbe‘ miterleben. Aus diesen Gründen bin ich u.a. an der Meinung meiner Friseurin Edda Waidmann aktiv interessiert. Neulich vertrat Edda zum Beispiel die Auffassung, dass die Buch-Tipps auf diesem Blog meine Tendenz zur Kopflastigkeit widerspiegeln würden und beizeiten eines körperbetonten Gegengewichts bedürften. Um das Defizit zu kompensieren, bat ich sie um Lese-Empfehlungen. Tags darauf bekam ich einen Stapel Bücher mit folgenden Titeln:

 

„Nacktbadestrand“
von Elfriede Vavrik
Ullstein-Verlag, 2011

192 Seiten, € 8,95

Mit der tagebuchartig erzählten Beschreibung über die Versuche, ihr mehr als 70-jähriges Sex-Leben zu aktivieren, gelang Elfriede Vavrik als hochbetagte Debütantin prompt der Einstieg in die Bestseller-Listen – weit über die Grenzen ihrer österreichischen Heimat hinaus. Edda gefällt daran, dass das Thema ‚Sexualität im Alter‘ auf direkte und mutige Weise aus der tabuisierten Zone geholt wurde und öffentliche Aufmerksamkeit fand.
Aus meiner Sicht ist der Sprachstil allerdings ziemlich derb, sodass ich nach rund 40 Seiten… nun ja… schlapp machte.
Edda rät bei einer solchen Gefühlslage dazu, sich mit einer Jeans zu bekleiden, zur Körperbürste zu greifen und geradewegs in die Ostsee hineinzugleiten. Das Salzwasser würde dafür sorgen, dass der Stoff ruck-zuck hauteng anliegt – dieser Effekt sei von besonderer Dauer, wenn man die Außenseite der Jeans mit der Bürste bearbeitet, solange man noch im Wasser ist. Im Anschluss sollte man Körperöl auf die Haut auftragen und die Hände an der Jeans abwischen, „damit sie geil und getragen aussieht.“

 

„Feuchtgebiete“
von Charlotte Roche
Ullstein-Verlag, 2009

224 Seiten, € 8,95

Auch die Unterhaltungsliteratur von Charlotte Roche polarisiert durch die plastischen-bis-drastischen Schilderungen sexueller Akte und Phantasien. In ihrem Erstlingswerk spannt die Autorin den Bogen von Intim-Rasuren über Selbstbefriedigung bis hin zu Analverkehr. Sie bietet damit eine Projektionsfläche für Sexualpraktiken, die selbst innerhalb gefestigter Partnerschaften oft schwierig anzusprechen sind.
Charlotte Roche scheint damit einen zeitgeistlichen Nerv zu treffen, denn Feuchtgebiete hat die Grundlage zum gleichnamigen Kinofilm gegeben, der ab August in die deutschen Lichtspielhäuser kommen wird. Ob Edda diesen Streifen mit ihrem Mann sehen will oder mit mir, wird sich demnächst herausstellen. ‚Für die Zeit zwischendrin‘ hat sich Edda einen Klingelton auf ihr Handy geladen, nämlich: Fickendes Eichhörnchen

 

„Meine sieben Leben“
von Harald Juhnke und Harald Wieser

Rowohlt-Reinbek Verlag, 1998
430 Seiten, € 45,00

Edda hat den Schauspieler und Sänger Harald Juhnke (1929 – 2005) auf den Berliner Bühnen besonders gern gesehen. Im Verlauf von Jahrzehnten hat sie mitverfolgt, wie seine künstlerischen Begabungen durch alkoholbedingte Abstürze mehr und mehr ausgekreuzt wurden. Der (auto-) biografische Bericht bemüht sich um Aufrichtigkeit und deutet Erklärungen für Suchtverhalten an. Neben dem hier genannten Buchformat ist ein gleichnamiges Hörbuch erschienen, und zwar bei: Der HÖR Verlag DHV (1998)

 

„Hildegard Knef singt und spricht Tucholsky“
von Hildegard Knef
Telefunken-Warner, 2003

21 Titel, € 20,99

Mit Stücken wie ‚Rezepte gegen Grippe‘, ‚Wie wird man Generaldirektor?‘ oder ‚Machen Sie das mal den ganzen Tag‘ eignet sich die Audio-CD von Hildegard Knef (1925 – 2002) zum gehobenen Müßiggang. Zudem dokumentiert sie die vielseitige Ausdruckstärke einer (weiteren) deutschen Nachkriegslegende, die in der Kinofilmgeschichte für Furore sorgte – u.a. mit dem Mut zur Nacktheit.
Den Cinéast_innen legt Edda allerdings zuvorderst den Film Das Schweigen (1963) nahe. Das Drama stammt vom schwedischen Regisseur Ingmar Bergman und ist heute bereits ab 16 Jahren ‚freigegeben.‘

Über SATZBAUWERK - Jana V. Chantelau

In Berlin leite ich die Agentur SATZBAUWERK. Meine Schwerpunkte liegen in der Texterstellung, Kampagnen-Planung und Krisenkommunikation.

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  1. Edda rockt wie üblich und ist absolut auf der Höhe der Zeit! Chapeau! 😀

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