„Jeder, dessen Meinung von der unseren abweicht, ist als geistesgestört zu betrachten,“ ulkte seinerzeit der Journalist und Autor Mark Twain. Damit erfasste er des Pudels Kern zwischenmenschlicher Konflikte: Das Gegenüber bleibt anders – verschieden von einem selbst – von gestern bis zum heutigen Hier. Auch Übermorgen und andernorts noch.

Nichtsdestotrotz neigen Menschen seit jeher dazu, das Verhalten anderer – für sich – zu deuten, zu erklären und prognostisch zu bewerten; meist im Sinne kategorischer Kanons aus Wenn-Dann-Relationen; meist mit dem Ziel, beruflich wie privat das Miteinander zu organisieren. Ein Schwierigkeitsgrad liegt in der Regel darin, dass sich jedes Individuum als Zentrum des persönlichen Orbits ‚fürwahr nimmt.‘
Das zeugt zwar von gesundem Selbstbewusstsein und der Legitimität der sogenannten Selbstachtsamkeit. Mitunter gerät allerdings außer Acht, dass ‚manche Leute‘ planetengleich heimlich, still und leise auf Kollisionskurs zueinander geraten, statt sich wechselseitig kooperativ-unterstützend im Gleichgewicht zu halten.
Falls die Gefahr tatsächlich erfasst wird, schießt mitunter der Glaube an die eigene Konfliktlösungskompetenz quer durch die Laufbahn und blockiert die Dialogfähigkeit zugunsten von Monothematik – bis hin zum Monolog. Damit vernebelt sich die Sicht auf den ‚eigentlichen‘ Konflikt in der Regel endgültig – wie auch auf die Tatsache, dass nicht jeder Konflikt real lösbar ist, geschweige denn: sich schnell in Nichts auflöst.
In einer unlösbaren Situation steckt man zum Beispiel ‚dann‘ unweigerlich fest, ‚wenn‘ die Ausgangspositionen der Konfliktparteien unüberbrückbar weit auseinanderliegen und/oder wechselseitig die Überzeugung (sperrig) in den Raum gestellt wird, das jeweilige Gegenüber ‚müsse nur wollen‘ (die Sicht des jeweiligen ‚anderen‘ ungefragt und daher quasi bedingungslos zu übernehmen).
Auf dem Weg zur Einigkeit sind die ‚Leitplanken‘ einerseits der Konsenswille; andererseits ko-existiert parallel dazu u.a. das Recht auf Gesprächsabbruch – etwa durch innere und/oder äußere Kündigung – die Freiheit, selbstbestimmt die Orte aufzusuchen, an denen man gerade sein will – und/oder die Freiheit wie auch das Recht, sich zu treffen und zu besprechen, mit wem und wann man möchte.

‚Einigkeit und Recht und Freiheit‘ hymnenhaft oder erwartungsgemäß als Troika einzufordern grenzt folglich an einen Widerspruch in sich.

Kurzum: ans eigene Wunschdenken – obschon sich wahrscheinlich fast die halbe Welt nach Frieden sehnt und bereit ist, über Grenzzäune hinweg die Hand zu reichen.
Schlechterdings hat selbst die vorausschauende ‚Ost-Politik‘ des friedensnobelpreisgekürten Bundeskanzlers Willy Brandt Jahrzehnte der politischen An- und Entspannung gebraucht, um ein Scherflein zum Mauerfall in Berlin beizutragen, meine Geburtsstadt Berlin zu einen, zu einigen und in anderem friedvollen Glanz aufblühen zu lassen.
Trotz alledem ist die gute Nachricht für alle: Es gibt fast immer ‚etwas‘, das jede_r für sich und für andere über kurz oder lang tun kann, etwa in Form von persönlicher Integrität und souverän geführtem Konflikt-Management.
Zum Beispiel: mit Interesse, Respekt und Höflichkeit einander zu begegnen. Und statt zu klagen zum Beispiel Fragen aufzuwerfen – ohne (für sich exklusiv) zu beanspruchen, die (allerbeste) Antwort bereits (selbst am allerbesten) zu wissen.
‚Wie man in den Wald hineinruft, so schallt’s auch hinaus‘; ‚wenn’s kracht, gibt’s Lärm‘ – so sagt ‚man‘ – nicht von ungefähr, nicht nur innerhalb Berlins, nicht nur zwischen vermeintlichen ‚Besserwessis‘ und/oder vermeintlichen ‚Jammerossis.‘
Gelegentlich nützt auch, sich auf dem Radar zu halten, dass die Auseinandersetzung mit dem Gegenüber die Chance umfasst, sich selbst bewusst zu bleiben, sich des eigenen Rückgrat zu vergewissern und mindestens diese beiden emotionalen Fähigkeiten situationsgerecht und fair mit anderen ‚trainieren‘ zu können, um mithilfe solcher Übungen zur Meisterschaft in punkto Sozial-Kompetenz zu gelangen.
Um Konflikte gekonnt anzupacken, gilt allerdings, den ominösen ‚richtigen Zeitpunkt‘ zu treffen und ergiebig zu nutzen. In der Regel beginnen solche ‚günstigen Stunden‘ zum Beispiel mit locker-gelassener Atmosphäre, wenn die allgemeine Stimmung besonders entspannt bzw. enspannend ist, also: kein akuter Druck oder heißer Dampf in der Luft liegt.

Zudem nützt,
beispielsweise diese ‚No-Gos‘
aktiv und bewusst zu respektieren:

  • Kurz vor Feierabend, Tagesende oder Toresschluss ist zeitlich ungünstig für ernsthafte Gespräche, u.a. weil der Arbeitstag in der Regel bereits ‚genug‘ Konzentration, Energie und Kraft aufgebraucht hat, eventuell auch Stress machte – oder schlichtweg ermüdete.
  • Bei akuter Verärgerung u.ä. atmosphärischen Störungen eskalieren Konflikte eher als dass sie de-eskalieren. Ein Mensch mit 95 Herzschlägen pro Minute (oder mehr) ist – physiologisch betrachtet – zum Beispiel gar nicht mehr gesprächsfähig, weil u.a. das Denken und die Merkfähigkeit durch Stresshormone herabgesenkt wird. Man braucht durchschnittlich mindestens 20 Minuten, um in einen neutralen, gefühlsmäßig regulierbaren Zustand zurückzufinden.

Um sich innerlich wie inhaltlich auf das Konfliktgespräch einzustellen,
nützen u.a. diese Do’s:

Do’s:

  • Das Konfliktgespräch auf maximal 30 Minuten begrenzen, damit alle Beteiligten die Chance haben, das Gesagte zu reflektieren, sich einzuprägen und – bestensfalls – in erste eigene Verhaltensänderungen zu überführen.
  • Sich vertagen, falls zum Gesprächsrundenauftakt kein Konsens zustande kommt. Statt – wie beim Tennis – mit dem Satz zum Sieg zu kommen, einigt man sich also auf ein Patt – wie im Golf – bzw. auf das ‚Unentschieden‘ – mindestens bis zum ‚Re-Match‘. Schlussendlich geht es ohnehin darum, dass alle gewinnen – zumindest an Klarheit darüber, wer wie zu wem oder was steht – oder eben nicht steht.
  • Die sogenannte ‚VW-Regel‘ beherzigen. Das bedeutet: ‚Vorwürfe weg- und Wünsche vorzutragen‘, um ‚etwas‘ ausgesprochen zu bitten, statt ‚es‘ unausgesprochen zu erwarten. Denn: Eine Frage kostet in der Regel weniger als eine Forderung. Wer fragt, führt und wagt; wer Wünsche aufschreibt, sie parat hat und benennt, bleibt.
    Mehr als drei Wünsche zugleich steckt man allerdings bitte bloß dem Weihnachtsmann zu. Oder der Zahn-Fee. Oder dem Osterhasen.
    Sich gleichzeitig darüber klar zu bleiben, dass das Leben weder Ponyhof noch Wunschkonzert ist, bewahrt und schützt im Übrigen die innere Gelassenheit.
  • Reden und reden lassen – auf den Punkt kommen, ohne zuzuspitzen; aktiv zuhören.
    Das bedeutet auch, die Verteilung der Redezeit fair zu halten, im Sinne von having/ giving/taking one’s fair and equal share of attention and attentiveness, wie diplomatisch versierte Briten und Britinnen zu sagen pflegen (zu Deutsch in etwa: ‚Aufmerksamkeit und Achtsamkeit fair und gleichberechtigt geben, annehmen und daran teilhaben.‘)

Um der (Selbst-) Sabotage vorzubeugen, ist von (Eigen-) Nutzen,
folgende Don’ts bewusst zu vermeiden:

Don’ts:

  • Keine Zeit für Konfliktgespräch freischaffen, zum Beispiel, indem man zu Ausflüchten, Ausreden, Vorwänden, Ablenkungsmanövern o.ä. greift.
  • Ausufernde Argumentation ins Feld führen bzw. sich wiederholen wie eine Schallplatte und/oder sich ohne Atem-, Denk- oder Sprechpause in Rage reden.
  • Vorwürfe erheben und Schuld zuweisen statt konkrete Vorschläge zu machen und gemeinsam eine Lösung aus- und abzumachen.
  • Sich ohne eigenständige Zielvorstellung auf das Konfliktgespräch einlassen. Denn: Ohne Ziel ist der Weg willkürlich, endlos und mangels ‚Verhandlungsmasse‘ indiskutabel.
  • Umstände des Konflikts ausblenden, zum Beispiel, indem man kein Wissen und/oder Bewusstsein dafür hat, welche Persönlichkeitsstruktur oder Interessenslage im Gegenüber ‚tickt‘, welche Belastungen, Potentiale, Motivationen und/oder Ambitionen daraus erwachsen u.ä.
    Oder indem man sich selbst unklar darüber ist, woher der eigene Beitrag zum Konfliktstoff ‚eigentlich‘ stammt, was einen konkret stört, wann, wie (sehr) und warum. Denn: Zu jedem Konflikt tragen mindestens zwei Konfliktparteien bei; die Konfliktmasse ist ein Kombinat ohne Monopol. Wie die schwäbische Schottin Janice Marks zu sagen pflegt: ‚Go to the source and see what’s up.‘ (Zu Deutsch: ‚Finde die Quelle und schaue nach, was los ist.‘)
  • Sich im Vorhinein nicht darum zu scheren, welche ’nächsten Schritte‘ leicht bzw. schwer fallen, um aufeinander zu zukommen – und zwar aus der eigenen Innenschau wie auch aus dem Perspektivwechsel heraus.

Konflikte gehören zum Alltag – im Management wie auch im privaten Umfeld. Sie bedürfen zeitnaher Klärung, bevor sie sich verschleppen, verlagern, bagatellisiert oder ‚unter den Teppich gekehrt‘ werden. Dadurch würden sie zwangsläufig Beulen schlagen, Stolperfallen stellen oder ‚Kollateralschaden‘ anrichten.

Über SATZBAUWERK - Jana V. Chantelau

In Berlin leite ich die Agentur SATZBAUWERK. Meine Schwerpunkte liegen in der Texterstellung, Kampagnen-Planung und Krisenkommunikation.

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  1. tmampel sagt:

    Hat dies auf mampel´s welt rebloggt und kommentierte:
    wieder einmal ein sehr lesenswerter Blogbeitrag von Jana V. Chantelau!

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