Vor 23 Jahren, vier Monaten und rund einer Woche öffnete sich in der Nacht von Donnerstag auf Freitag die Mauer, die fast drei Jahrzehnte lang meine Geburtsstadt Berlin entzwei gemacht hatte. Nach meiner – westdeutschen – Warte konkretisierte sich der Ausruf ‚Wir sind das Volk!‘ mit Willy Brandts‘ Wunsch nach Völkerverständigung.

Als er am 10. November 1989 den Menschen – nicht nur – in Berlin sagte: „Nun muss zusammenwachsen, was zusammengehört“ brachte Brandt nichts weniger als eine generationsübergreifende Daueraufgabe in einen einzigen Satz. Um die ‚deutschen Landschaften‘ nach der Versetzung geo-politischer Marksteine de facto deutsch-deutsch zu gestalten, lag ein erstes Saatgut u.a. darin, Begriffe wie Mauerspecht, Nische oder Wende im sprachgemeinschaftlichen Konsens neu zu definieren und ihre inhaltliche Bedeutung positiv zu besetzen.
Aus meinem eigenen Sprachverständnis heraus assoziierte ich zum Beispiel das Wort Wende alsbald eher mit der Brandt’schen Maxime von ‚Wandel durch Annäherung, als mit der Forderung nach der ‚geistig-moralische Wende‘ von Helmut Kohl.
Beim zwischenmenschlichen deutsch-deutschen Kommunikationsgebaren legten die relativ gewaltfreien Einigungsprozesse vom Herbst 1989 nahe, mehrdeutige und/oder diskutable Begriffe zu umgehen, etwa bei den Fragen, ob das Zerschneiden vormaliger Grenzzäune nun die Vereinigung oder die Wiedervereinigung symbolisiere; ob Deutschland oder Europa als maßgebender geografischer Bezugsraum anzunehmen sei; ob der neu gebildete, quasi volkseigene Staat die Bundesrepublik, Deutschland oder die Bundesrepublik Deutschland sei. Stattdessen wurden zuversichtlich stimmende Schlagworte – etwa: Mauerfall oder: friedliche Revolution – von Deutsch zu Deutsch übertragen, gebraucht, fortentwickelt und anders als zuvor ‚verstanden.‘
Die positive Neu-Besetzung vermeintlich ‚feststehender‘ Begriffe wirkt sich tiefgründig und allgemein-günstig auf die zwischenmenschliche Gesprächsatmosphäre aus. Allerorts, überall und zu jeder Zeit.

Deshalb untersuchen Trauma-Forscher_innen wie James W. Pennebaker et al im Umkehrschluss, ob man persönliche Negativ-Erlebnisse sprachlich durchbrechen, bewältigen und selbstwirksam auflösen kann.
In der Tendenz vermuten sie mehrheitlich: „Ja“, zum Beispiel, indem man aus dem eigenen freien Willen heraus aktive Erinnerungsarbeit leistet. Und zum Beispiel indem man…

  • …miteinander spricht
  • …dem Gegenüber aufrichtig zuhört
  • …mithilfe von inneren Monologen die eigenen Gefühlszustände selbst(-reflektiert) beschreibt, erfasst und verortet
  • …durch Notizen, Tagebucheinträge, Malerei o.ä. Ausdrucksformen die persönliche Empfindsamkeit vor Augen hält, Wiederkehrendes darin erkennt und begreift, dass man angst-behaftete Blockaden eigeninitiativ angehen kann
  • …eigene Reaktionsmuster hinterfragt, um sich selbst die gangbaren Anpassungswege zu öffnen und in Anlehnung an Willy Brandt auch die ‚Annährung durch Wandel‘ zu versuchen
  • …akzeptiert, dass manche Narben lebenslang schmerzen werden

Durch Kommunikationsstrategien dieser Art erhöht man in der Regel die Selbstachtung, das Selbst- und Sendungsbewusstsein – und letztlich hat jeder Mensch ‚etwas‘ Nachrichtenwertes zu sagen. Wer ohne den direkten Konfrontationskurs auskommt, hat zudem echte Chancen, das Gegenüber zur Einsicht zu bringen, zum Dialog zu bewegen oder zu Aushandlungen zu motivieren.

Allerdings gilt auch: Wer politische Gewalt erfahren hat, hat – quasi ‚zwangsläufig‘ – Traumata erlebt, die das Potential haben, einen Menschen einschneidend und lebenslang zu verändern.

Dass solche traumatischen Erinnerungsspuren wie Tatöwiertinte unter der Haut bleiben, ‚kann‘ zwar sein – und ‚muss nicht‘ bei jedem sein bzw. ’so‘ bleiben.
Aus meiner bisherigen Berufspraxis heraus sind Erkenntnisse dieser Art insbesondere relevant für die Kommunikation zwischen Menschen, die ihre jeweilige Sprach- und Verhaltenskompetenz zu gegensätzlichen wettstreitenden (sozial-)politischen Bedingungen heranbildeten.
Wer etwa mit persönlicher Konsequenz am Niedergang bzw. am Fortbestand einer Diktatur mitgewirkt hat, reagiert mitunter sensibel auf buchstäbliche ‚Stich’worte wie Loyalität, Verlässlichkeit, Entgegenkommen, Vertrauen, Unterstützung, Aussöhnung oder Verzeihen. Schließlich heißt es nicht von ungefähr: ‚Gebrannte Kinder scheuen das Feuer‘, und dass mancher Henker aus seinem Herzen eine Mördergrube macht – wie manche Henkerin übrigens auch.
Wer sich – ‚hüben wie drüben‘ – politisch passiv bzw. vermeintlich ’neutral‘ verhält, hat oft wenig Bewusstsein dafür, wo die sprachbezogenen ‚Minenfelder‘ des Gegenübers liegen, wie sie zusammengetragen wurden, seit wann, warum und durch wen.
In Deutschland gibt es jedenfalls auch Menschen, die die Frage nach der Möglichkeit vom ‚richtigen‘ Leben im ‚falschen‘ Leben gar nicht ‚verstehen‘ – während sie für andere die richtungsgebende Lebensfrage par excellence wiedergibt.

Vor diesen Hintergründen überrascht kaum, dass gelegentlich unerwartetes Misstrauen durchs deutsch-deutsche Kommunikationsverhalten wütet – zum Beispiel, weil…

  • …eine_r die Urspungsquelle bzw. die Tragweite dieses Misstrauens verkennt und der/die andere sie fehlplatziert, etwa aus vormals begründeter Furcht vor Verrat bzw. aus der Aushorchungserfahrung heraus
  • …ausgerechnet unter den kritisch-denkenden ehemaligen DDR-Bürger_innen mitunter ein weitschweifender Sprachgebrauch verankert bleibt, der zwar hervorragend zu diktatorischen Alltagsbedingungen passte – im demokratischen System allerdings wirklich gewöhnungsbedürftig ist.
    Sich bewusst zu halten, dass mithilfe metaphorischer und wortreicher Ausdrucksweise Informationen ‚getarnt‘ werden konnten, die eventuell politische Brisanz enthielten und/oder Menschen in Gefahr brachten, fördert in der Regel die eigene Toleranzgrenze, wenn man etwa denkt: ‚Mensch, komm‘ zum Punkt, bitte;‘ ’sag‘, was du meinst – meine, was du sagst – und meinetwegen betätige ich dabei gern die Toilettenspülung wie Wolf Biermann.‘
  • …Lachen mehr ausdrücken kann, als pure Lebensfreude, sondern – situativ bedingt – auch subversive Kraft entfaltet, wie sich in den letzten 100 Jahren etwa während der beiden deutschen Diktaturen gezeigt hat.
    U.a. aus diesem Grund stimmt mich froh, wenn meine Freund_innen einen Anlass sehen, lauthals zu lachen oder zu scherzen. Und dass in Deutschland niemand mehr zum ‚Lachen in den Keller gehen‘ muss (es sei denn, sie/er ‚lebt‘ mit häuslicher Gewalt oder ähnlich strafrechtlich relevanten Unterdrückungsmechanismen).

Über SATZBAUWERK - Jana V. Chantelau

In Berlin leite ich die Agentur SATZBAUWERK. Meine Schwerpunkte liegen in der Texterstellung, Kampagnen-Planung und Krisenkommunikation.

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  1. Eastsided sagt:

    Sachdienlicher Hinweis.

    Mauerfall war am 09. November 1989
    Beitritt der DDR zur BRD am 03. Januar 1990
    ergo:
    2013 minus 1989 = im November 2013 werden es 24 Jahre Mauerfall
    und
    im Oktober 2014 werden es 24 Jahre Beitritt.

    Meine ersten 2 cents zu diesem Artikel,
    Eside.

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