Positiv zu formulieren, moderat aufzutreten, aufgeschlossen und zugänglich zu bleiben, gehört zu den Kern-Aufgaben von PR- und Kommunikationsprofis. Allerdings ist das Rüstzeug für den Ausnahmefall auch wichtig: nämlich die Kompetenz, destruktiv zu kommunizieren, etwa, um bei Diskussionen die eigenen Interessen zu schützen, um bei übergriffigem Verhalten die Grenzen zwischen Berufs- und Privatleben zu markieren oder um sich zu positionieren.

Ich stütze mich dabei u.a. auf folgende Faust-Regeln aus dem Box-Sport:

  • „Ins Leere laufen lassen!“

In der körpersprachlichen Variante bedeutet das u.a., die Körpersprache des Gegenüber ins direkte Gegenteil zu setzen und in der eigenen Gestik und Mimik ‚verkehrt‘ widerzugeben. Wenn sich beispielsweise der/die andere vorbeugt – etwa, um dem Wort-Beitrag Nachdruck zu verleihen oder Kompromissbereitschaft zu signalisieren – lehnt man sich klar und eindeutig zurück; wenn der/die andere die Arme verschränkt, öffnet man die eigenen Gesten und macht sich quasi körpersprachlich ‚breit‘.
In der sprechsprachlichen Variante bedeutet ‚ins Leere laufen lassen‘ u.a., dass man ein (Gegen-)Argument vorbringt, ohne auf die Wortwahl und/oder auf die Position des Gegenübers einzugehen, zum Beispiel, indem man sich auf die Redebeiträge völlig anderer Diskussionsbeteiligter bezieht.
Wenn das Gegenüber die Lautstärke und/oder das Sprechtempo erhöht, nimmt man die eigene Lautstärke zurück und/oder spricht ‚entschleunigt‘, mit ausgeprägter Betonung. Letzteres bringt u.a. den Vorteil, dass die Leise-Sprecher_innen in der Regel mehr Konzentration beim Zuhören abtrotzen, Neugier wecken und aufgrund ihrer auffälligen Artikulationsweise den Kommunikationsakt auf eine bewusstere Ebene ziehen – zumindest im Vergleich zu den ‚Laut‘-sprecher_innen.
In der schriftsprachlichen Variante bedeutet ‚ins Leere laufen lassen‘ u.a., dass man Tools wie beispielsweise Burn Note einbindet, um die E-Mail-Korrespondenz strategisch gewieft zu führen. Denn der Clou daran ist, dass sich die E-Mail nach einmaligem Lesen selbst zerstört (‚read once‘ bzw. ‚burn notice after reading‘; zu Deutsch in etwa: ‚Lies mich einmal‘ bzw. ‚Mitteilung nach dem Lesen verbrennen‘). Sie widersteht sogar dem Paste-and-Copy-Prinzip (zu Deutsch: ‚Kopieren und Einfügen‘-Prinzip.)

  • „Setz‘ ’ne Finte!“

In der freien Rede bedeutet das u.a., einen Gedanken lediglich anzureißen, ohne ihn von A bis Z – also: vollständig – auszusprechen bzw. der persönlichen Schlussfolgerung zuzuführen. Dadurch setzt man in der Zuhörerschaft in der Regel Assoziationsketten frei, die wie Störgeräusche in die Argumentation des Gegenübers hineinfunken können. Im Eigeninteresse sollte man dieses Stilmittel allerdings äußerst sparsam einsetzen.

  • „Zähne zeigen!“

Wer sich – wie ich – für den professionellen Box-Sport interessiert, erlebt in kritischen Phasen, dass der/die zurückliegende Boxer_in mitunter Grimassen aufsetzt, um die innere Bereitschaft zu kennzeichnen, sich durch die augenscheinliche Krise hindurchzulächeln. Mithilfe körpersprachlicher Kommentare wird der tatsächliche Kampfverlauf also in der Regel konträr gespiegelt, um den/die Gegner_in aus dem Konzept zu bringen und/oder ‚iriitierend‘ aus der Konzentration zu reißen und/oder die eigene Präsenz zu betonen.
Wer destruktiv kommunizieren will, kann beispielsweise bei der Technik ‚Ins Leere laufen lassen‘ auf diese Weise stimmig-schlüssig ’nachlegen‘ bzw. ‚einen ‚drauf setzen.‘

In der destruktiven Kommunikation stütze ich mich u.a. auch auf folgende Grundprinzipien aus dem Erziehungstraining für Rüden und Hündinnen:

  • „Ignoranz = Dominanz“

Mit Hunden, Hündinnen, Katzen und Katern zusammenzuleben, schärft in der Regel die Wahrnehmung für die Kommunikations- und Verhaltensmuster im persönlichen Umfeld – und das Bewusstsein dafür, was unmissverständliche Gestik und/oder Ansprache ausmacht.
In seinen besten Jahren brillierte mein Terrier Toddy beispielsweise darin, den Hinweis: ‚Du kannst mir kreuzweise den Buckel herunterrutschen‘ körpersprachlich abzubilden, indem er mir demonstrativ sein Hinterteil zuwendete, nachdem ich einer schmerzhaften tierärztlichen Behandlung zugestimmt hatte oder ihn vom Hunde-Friseur heimgebracht hatte. Wenn ich mich räumlich neu positionierte, sodass ich ihn von Angesicht zu Angesicht sehen konnte, setzte er sich seinerseits um, um mich mit bemerkenswerter Konsequenz tagelang keines Blicks zu würdigen.
In der Regel half dagegen nur, dass ich Toddys Stimmungstief ignorierte, denn er rückte zeitweise sogar von meinen Gesten ‚guten Willens‘ bewusst ab, beispielsweise, wenn ich ihm seine Leib-und-Magenspeise vorsetze und er sie beflissen außer Acht ließ… obwohl sein Speichelfluss längst in die Lefzen geraten war. Sobald ich nicht mehr in Sichtweite war und mich längst anderen Dingen zugewandt hatte, fraß er ‚trotzdem‘, quasi klammheimlich, in möglichst kleinen Happen und möglichst vielen ‚Etappen.‘

  • Den Laufwege zum Engpass machen

Haustiere kennen in der Regel praxiserprobte Tricks, um die Ignoranz ihrer Halter_innen zu brechen, zum Beispiel, indem sie mit vollumfänglichem Körpereinsatz offensichtliche Stolperfallen stellen. Um sich in die Quere zu kommen, hat sich beim Tier wie auch beim Menschen als besonders effizient erwiesen, die voraussichtlichen Laufwege zuzustellen, beispielsweise dadurch, dass man mitten auf der Türschwelle stehen bleibt, durch Sitz-, Steh- oder Liege-Blockaden die Gänge dicht macht und/oder die Choreographie des routinemäßigen ‚Küchen-Balletts‘ unangekündigt neu ausrichtet, indem man ur-plötzlich neue Pfade geht, um etwa zum Kühlschrank oder Backofen zu gelangen.

  • „Wie der Herr, so’s Gescherr.“

Dem Online-Wörterbuch Wiktionary zufolge geht dieses Sprichwort „vermutlich auf den Satz Plane qualis dominus, talis et servus ‚Wie der Herr, so auch der Sklave‘ aus der Episode Das Gastmahl des Trimalchio aus dem Roman Satyricon des Autors Titus Petronius zurück.“ Das gilt natürlich auch für die ‚Herrin‘ und ihre Begleitung.
In der Übertragung auf die Mensch-Tier-Beziehung bedeutet das u.a., dass der rang-niedrigere Kommunikationsbeteiligte in der Regel dazu neigt, die ‚destruktive Kommunikation‘ von ‚vorgesetzten‘ Bezugspersonen zu übernehmen, zum Beispiel, um Loyalität zu zeigen.
In seinen besten Lebensjahren hat sich mein Terrier Toddy auch an diesem Phänomen zuverlässig beteiligt, indem er zum Beispiel zum Weitergehen drängte, wenn ich Menschen begegnete, denen ich nicht gerade – oder: gerade nicht – ‚grün‘ war. Solche Allianzen sind erfahrungsgemäß von praktischem Nutzen, um die eigene Destruktivität locker-leicht durchzusetzen.

Über SATZBAUWERK - Jana V. Chantelau

In Berlin leite ich die Agentur SATZBAUWERK. Meine Schwerpunkte liegen in der Texterstellung, Kampagnen-Planung und Krisenkommunikation.

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  1. Eastside sagt:

    Was ich an diesem Artikel bzw. dieser „Anleitung“ für merk- bis fragwürdig halte:

    Zunächst genauer besehen, ist die Bedeutung von „destruktiv“ in der zwischenmenschlichen Kommunikation im Synonym nämlichals ‚abbauend‘, ‚zerstörend‘ oder ‚zersetzend‘ bekannt.

    Was macht es also für einen Sinn seine „Destruktivität locker-leicht durchsetzen“ zu wollen?

    Wozu in solcher Art andere im Kontakt kontrollieren und be-herrschen zu wollen?

    Sie selber propagieren hier z.B. in ihrer Netiquette die Prinzipien der sog. „gewaltfreien Kommunikation“.

    Jedoch um ihre Interessen (welche? berufliche?) zu schützen, sich zu positionieren und bei angeblichen „Übergriffen“ ihre Grenzen (zum Privaten?) zu markieren, wenden sie – allen ernstes (!) – z.T. solche nonverbalen „Stilmittel“ an. Sie nennen das anfangs zwar „Ausnahmefall“, was ich nicht als solche erkennen kann, bei den Situationen, die sie hier anreissen. Will sagen, daß es ihre Gegenüber in der Kommunikation eher herabwürdigt und als nicht gleichwertige Person(en) erscheinen läßt, welche per se doch nicht „rangniedriger“ sind als sie.

    Ihre praktische Anleitung hier v e r h i n d e r t aus meiner Sicht und Erfahrung eine adäquate (das „WIE“) Kommunikation zur Grenzziehung oder dergleichen – beschädigt, vor allem auf der geschäftlichen Ebene. Es geht da doch ’nicht wirklich‘ ums Messen oder Gewinnen.

    Vielleicht liegt ihr auch ‚einfach‘ nur (m)ein semantisches Mißverständnis vor und die Autorin meinte „defensiv“ (evtl. wiktionary befragen)?

    Irgendwie bleibt bei mir als Leserin
    wirklich Unbehagen über diese öffentliche ‚Werbung‘ von/zur Destruktivität – da sie die Grenzen anderer zu verletzen ‚droht‘.

    Außerdem ist sowohl im Kampfsport als auch in der Hundeerziehung sehr wohl ein Machtgefälle zu konstatieren. Im Boxsport will z.B. einer der Sieger sein, oder?

    besten Gruß,
    Eastside

    • Ahoi Eastside,

      vielen Dank für Ihre kritischen Anmerkungen.

      Die Blog-Beiträge geben meine persönliche Meinung zu professionellen Situationen und Zusammenhängen wieder. Ich (be-)schreibe sie vor dem Hintergrund meiner langjährigen Berufspraxis. Naturgemäß bleibt unbenommen, dass andere Sichtweisen gleichermaßen legitim sind. Ich vertraue darauf, dass die Blog-Leser_innen imstande sind, über die Sinnhaftigkeit meiner Anregungen eigenständig zu entscheiden, sie anzunehmen, zu ignorieren oder abzulehnen. Mir geht es keineswegs darum, eine kommunikationswissenschaftliche Doktrin o.ä. zu formulieren, sondern ich will lediglich zu reflektierten Gedanken anregen und die individuelle Meinungsbildung fördern.

      Bei Pressekonferenzen u.ä. Veranstaltungsformaten kommt mitunter vor, dass die Pressevertreter_innen versuchen, ihr Gegenüber rhetorisch zu ‚grillen.‘ Sie erfüllen damit eine wesentliche gesamtgesellschaftliche Aufgabe innerhalb demokratischer Systeme, weil sie ihre Fragen schließlich in Stellvertretung für die ‚Allgemeinheit‘ bzw. ‚allgemeine Öffentlichkeit“ stellen und dadurch eine ausgleichende demokratische Kontrollfunktion übernehmen. Allerdings bedeutet das mitunter, dass mit Fangfragen gearbeitet wird oder einzelne Statements (mit voller Absicht) in sachferne Bezüge bzw. in verzerrende Kontexte gestellt werden, um Repräsentant_innen ‚aufs Glatteis‘ zu führen, die Freigabe zurückgehaltener Informationen zu provozieren u.ä.
      In solchen Fällen ist – aus meiner Sicht – das Konzept der gewaltfreien Kommunikation nur bedingt geeignet, um die Kommunikation selbstbewusst und aktiv (statt re-aktiv) weiterzuführen. Ich plädiere deshalb tatsächlich – ausnahmsweise – dafür, je nach Situation auch „destruktiv“ aufzutreten, um intentional ins Feld geführte Stilmittel der Rhetorik prompt und verhaltensklar zu entschärfen, z.B. indem man bewusst den eigenen Raum reklamiert bzw. sich auf bestimmte Diskussionsanteile gar nicht erst einlässt. Eine solche Verweigerung der Kampfaufnahme ist – aus meiner Sicht – keineswegs defensiv, sondern in erster Linie destruktiv, weil man schließlich ausgewählte Kommunikationslinien blockiert… nicht zuletzt, um sich im Gespräch bzw. in der Diskussion mit den eigenen Themen und Positionen argumentativ durchzusetzen. Tragfähige Kompromisse sind – aus meiner Sicht – nicht immer möglich, und unüberbrückbare Positionen zwar selten, aber Teil der Lebenswirklichkeit.

      Herzliche Grüße aus Berlin,
      Jana Chantelau

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