Aufgrund chronischer Mittelohrentzündungen hatte ich im Kinderladen- und Grundschulalter oft Ohrenschmerzen – und den Eindruck, dass die Stimmen anderer Menschen zeitweilig verschwammen, um Wochen später lauter als vorher zurückzukehren.

Kurz nach meiner Volljährigkeit war – statt der Hörfähigkeit – für etwa 20 Stunden meine eigene Stimme vollkommen weg. Aus meinem Mund kam kaum mehr als ein eigentümliches Krächzen.
Der Stimmverlust erwischte mich unerwartet, ausgerechnet am Vortag von Vorstellungsrunden an diversen britischen Universitäten, die zu der Zeit zum Vergabeverfahren von Studienplätzen gehörten. Mein Körper erschien mir plötzlich fremd. Mit Zufallsglück tat ich intuitiv genau das, was sich im Rückblick als problemlösend erwies: Ich schaltete ab – vor allem das Kopf-Kino und die Muskelanspannung. Ich ging zur Stereo-Anlage, setzte mir die Kopfhörer auf, drehte den Eurythmics-Song When Tomorrow Comes bis zum Anschlag auf und tanzte quer durchs Zimmer. Dass ich dabei lauthals mitsang, blendete ich aus meinem Bewusstsein – bis sich mein Bruder über den vermeintlichen ‚Lärm‘ beschwerte. Meine Gesangsstimme funktionierte also. Folglich modulierte ich einen Sing-Sang aus dem, was ich zu sagen hatte, um das Versagen meiner Sprechstimme möglichst diskret zu umspielen und vor allem: um mich anderen mitteilen zu können.
Zudem beschränkte ich mich weitgehend darauf, mithilfe von beschrifteten Küchenzetteln (also: über einen alternativen Kommunikationskanal) nur die wesentlichen Informationen kundzutun und mich ansonsten zu entspannen. Nach dieser aktiven Phase von Stimmruhe bzw. Stimmschonung kehrte meine Sprechstimme just zum Auftakt meiner Vorstellungs-Reise wieder.

Mein Stimmverlust war psychogen gewesen und beruhte – typischerweise – auf der Kombination unterschiedlicher Faktoren. Zum Beispiel:

  • auf den Nachwehen abitur-bedingter Stressbelastung
  • auf der Anspannung angesichts zeitlich (noch) unbegrenzter Auswanderungspläne
  • auf dem damit einhergehenden Handlungs- und Entscheidungsdruck
  • und schlichtweg auf dem akuten Lampenfieber

Denn in den bevorstehenden Gesprächen ging es für mich um nichts weniger als um einen lebensbiografischen Wendepunkt. Wenige Wochen später konnte ich mir dankenswerterweise aussuchen, an welcher Universität Großbritanniens ich u.a. mehr zum Umgang, zur Pflege und Ausbildung meiner Sprechtechnik erlernen wollte.

Seither habe ich ein klares Bewusstsein für meine eigene Stimme
wie auch für die stimmliche Präsenz anderer Menschen.

Im Wesentlichen ‚funktioniert‘ die Stimme eines Menschen reibungslos, wenn die Atmung der Lunge, des Bauch- und Zwerchfells störungsfrei mit dem Hals-/ Rachenbereich und mit dem Mundraum zusammenspielt und keine Hirnschädigung dazwischenfunkt, um diese Körpersignale akkurat zu verarbeiten.
Kurzgefasst passiert beim Sprechakt vor allem folgendes: Durch die Ein- und Ausatmung entsteht in der Lunge ein ständig wechselndes Luftdruckverhältnis. Das Bauch- und Zwerchfell – und auch die umliegende Muskulatur – unterstützen die Lungentätigkeit darin, mithilfe von Druckaufbau und Druckabfall eine Sogwirkung zu erzeugen, sodass sich die Stimmlippen im Rachen öffnen, zu schwingen beginnen, variable Töne produzieren und abschließend in die Ausgangsposition zurückfinden.
Gesunde Menschen haben zwei Stimmlippen. Wenn sie synchron zueinander schwingen, klingt der Laut besonders klar, wiedererkennbar und angenehm für andere – wie die Audio-Beispiele der professionell ausgebildeten Sprecherin Elke Koepping veranschaulichen: https://soundcloud.com/elke-koepping
Wenn Elke beispielsweise einen Text stimmsprachlich moduliert, regulieren ihre Muskeln im mittelbaren und unmittelbaren Umfeld der Stimmlippen die Höhe bzw. die Tiefe des Tons. Physiologisch betrachtet spannen sich die Stimmlippen bei hohen Tonlagen stärker an als bei tiefen.
Frei nach Bedarf verstärkt der Mundraum das Klangvolumen – fast wie der Trichter einer ‚Flüstertüte.‘ Im gleichen Maß ist der Mundraum dazu imstande, die klangliche Lautstärke einzudämpfen, quasi wie der Schall-Filter einer Posaune, zum Beispiel, wenn man gerade nicht ‚losposaunen‘ will. Im Wechsel von ‚laut‘ zu ‚leise‘ bzw. von ‚leise‘ zu ‚laut‘ entsteht ein dramaturgischer Effekt, der u.a. in den Hör-Beispielen der Berliner Schauspielerin Ulrike Lodwig deutlich wird.
Im Übrigen wird im Mundraum auch die stimmliche Betonung feingestellt, etwa mithilfe des sprichwörtlichen Zungenschlags, der Kiefer- und Gaumenmuskulatur und durch die An- und Entspannung der Mund-Lippen.
Nach der Tonbildung fällt der Luftdruck ab. Die Stimmlippen schließen sich daraufhin wieder und ‚verstummen’… bis die Atemluft in der Lunge den nächsten Luftdruck aufbaut, um die nächste Schallwelle einleiten zu können, getreu des Prinzips: ‚Mach‘ mal halblang und hol‘ dir die Luft.‘ Denn zu sprechen – oder zu singen – ist in jedem Lebensalter ein physiologischer (manchmal sogar: ein emotionaler) Kraftakt.
Als Faust-Regel gilt allgemeinhin: Falls die Stimme länger als zwei bis drei Wochen gestört ist oder gänzlich ausfällt, sollte man unbedingt einen Hals-Nasen-Ohrenarzt bzw. eine Hals-Nasen-Ohrenärztin konsultieren. Je zeitnaher die zutreffende Diagnose gestellt wird, desto leichter ist eine chronische Stimmbeeinträchtigung bzw. ein kontraproduktives Schonverhalten vermeidbar. Aufgrund der Komplexität des Stimm- und Sprechapparats liegt in der Regel mehr als eine Ursache an der Wurzel des Übels (sofern es sich nicht um eine einfache Erkältung, einen Schnupfen u.ä. handelt), sodass die Diagnostik mitunter Zeit braucht.

Um zwischenzeitlich keine Panik zu schieben, nützt u.a. folgendes Basis-Wissen
über die Do’s und Don’ts zum Umgang mit der eigenen Stimme:

Do’s zur Stimmschonung und Vorbeugung von stimmlichen Störungen:

  • Sprechpausen einlegen, um der Stimme regenerative Ruhe zu geben – was berufsbedingten und/oder kommunikationsfreudigen Vielsprecher_innen wie mir allerdings meist einigermaßen schwerfällt.
  • Räusper- bzw. Hustenreize unterdrücken, zum Beispiel, indem man versucht, den sich anbahnenden ‚Räusperer‘ mithilfe des eigenen Speichels herunterzuschlucken.
  • Vor langandauerndem Sprechen die Stimme ‚warm‘ sprechen, zum Beispiel, indem man Vokale spricht oder die Atemluft durch die Nase aufnimmt und mit aktiver Zwerchfellatmung weiter ‚anwärmt.‘
  • Von Johnny Cash lernen (‚hmm….‘) wie seinerzeit Elvis Aaron Presley und sich cowboy-mäßig eine Stimmlage höher oder tiefer summen, bevor man sprech- bzw. gesangstechnisch vollumfänglich hinüberwechselt.
  • Mit Thymian, Salbei u.ä. desinfizierenden Kräutern inhalieren, um beispielsweise der Verschleimung der Schleimhäute zuvorzukommen.
  • Auf die Aromatisierung der Wohn- und Arbeitsräume durch ätherische bzw. künstliche Dufstoffe verzichten, mithilfe von Wasserbehältern (zum Beispiel an den Heizkörpern) die Luftfeuchtigkeit aufrechterhalten und drei- bis viermal pro Tag für Stoßlüftung sorgen.
  • Möglichst mindestens zwei Liter pro Tag trinken und zwar insbesondere, wenn Klimaanlagen u.ä. eingesetzt werden (zum Beispiel in Flugzeugen, in der Bahn oder im Auto.) Bei der praktischen Umsetzung hilft mir zum Beispiel, dass ich zum Tagesbeginn zwei Wasserflaschen auf den Tisch stelle und mein Glas nachfülle, sobald ich es ausgetrunken habe.
  • Psychischen Stress vermeiden bzw. ausgleichen, zum Beispiel durch Entspannungstechniken aus dem Yoga oder durch sogenanntes ‚Power Napping‘, kurzum: rund 20-minütigen Mittagsschlaf.

Don’tvor allem bei akuten Stimmstörungen, Erkältungen u.ä.:

  • vor geräuschintensiver Kulisse sprechen, ohne vorab ein entsprechendes Stimmtraining durchlaufen zu haben.
    Untrainierte Sprecher_innen neigen nämlich in der Regel dazu, in solchen Situation lauter als sonst zu sprechen, was den Stimmapparat mehr als üblich belastet.
    Individuell geeignete Stimm-, Sprech- und Atemtechniken zu erlernen nützt hiergegen, weil man dabei u.a. trainiert, den ganzen Körper als Resonanzraum einzusetzen und den Mundraum möglichst optimal zur Schallverstärkung zu nutzen – ohne den Mehraufwand in punkto Energie zu betreiben und ohne die entsprechenden Ermüdungserscheinungen zu erleben.
  • Flüstern bzw. Schreien, denn diese stimmlichen Ausnahmefälle belasten den Stimmapparat mehr als das ’normale‘ Sprechen.
  • Allergien, Polypen, Nikotin-Abhängigkeit, Sodbrennen u.ä. chronische Stör-Quellen unbehandelt lassen, weil dadurch u.a. die Schleimhäute unnötig gereizt werden.
  • Bonbons lutschen, die ätherische Öle enthalten bzw. ätherisch-ölige Getränke zu sich nehmen wie Kamillen- oder Pfefferminztee. Genauso kontraindiziert sind säurehaltige Getränke wie Kaffee, Milch oder Fruchtsaft.
  • Den Termin beim Haus- und/oder Facharzt bzw. bei der Haus- und/oder der Fachärztin aufschieben, bis die Stimmstörung chronisch geworden ist bzw. die Stimmlippen sinnbildlich gesehen längst schlapp und schlaff ‚durchhängen‘.
  • Die Work-Life-Balance außer Acht lassen.

Auch das biologische Lebensalter beeinflusst
die Stimme und ihre Leistungsfähigkeit.

Zum Beispiel werden Säuglinge selten heiser, während Senior_innen mitunter zu Kurz- und Schnappatmung neigen. Wenn die Stimmung stimmt, stimmt sich die eigene Stimme übrigens auf die Stimmen anderer ein. Daraus ergibt sich ein wortwörtliches Stimmungsbild. Trotzdem sollte man den Zeitpunkt nicht versäumen, an dem schlicht gilt, die Klappe zu halten, denn: Schweigen schützt das ‚Gold in der Kehle.‘

Über SATZBAUWERK - Jana V. Chantelau

In Berlin leite ich die Agentur SATZBAUWERK. Meine Schwerpunkte liegen in der Texterstellung, Kampagnen-Planung und Krisenkommunikation.

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