Evolutionsgeschichtlich lachen Menschen seit ca. zwei Millionen Jahren. Dem Begründer der DialektikPlato (428/427 bis 348/347 v. Chr.) – blieb die menschliche Lache allerdings suspekt. Er sah darin eine subversive Sprengkraft, die die Regierbarkeit von Staaten potentiell gefährdet, etwa in Form von Hohn oder ‚vernichtendem‘ Gelächter, wie auch angesichts akuter Handlungskrisen bzw. system-immanenter Widersprüche. Hiergegen formulierte Platos Schüler Aristoteles (384 bis v. 322 Chr.) alternative, eher optimistische Theorien. Als Pioner der Rhetorik beschrieb Aristoteles, dass zu lachen auch bedeutet, sich selbst zu kontrollieren. 

Zum Beispiel diene das Verlegenheitslachen u.a. dazu, von gefühlter Unsicherheit abzulenken. Am Gegenpol verortete Aristoteles das ‚befreiende‘ Lachen – die eigene Argumentation könne dadurch souverän weitergeführt werden. Als Laura Méritt noch Barbara Maria Merziger hieß, griff sie diese konträren Positionen auf und führte ihre Dissertation über „Das Lachen von Frauen“ (2005) ins Feld der Diskussion.
Die Erkenntnisse ihres Alter Egos zeigen beispielhaft auf, inwiefern Lachen gelernt sein will. Schließlich trägt das Lachen in der Regel inhaltliche Bedeutung in sich, wird variabel produziert und funktional angewandt. Lachen als Kommunikationsform zu de-chiffrieren und zu deuten scheint für die zwischenmenschlichen Aushandlungen wesentlich zu sein. „Dem ist entgegenzuhalten, dass Lachen auch ohne Verstand erfolgen kann“, wie Merziger trefflich anmerkt. Sie hat ihren Schwerpunkt trotzdem auf die rationale Rhetorik des Lachens gesetzt
und legt u.a. dar, dass dazu gehört…

  • …die eigene Rede zu durchbrechen, beispielsweise, indem man lacht und dabei buchstäblich die ‚Zähne zeigt.‘ Mit leicht geöffnetem Mund zu lachen eignet sich u.a., um offene Konfliktpotenziale zu entschärfen, Stress-Gespräche zu regulieren oder bei Vorträgen die eigene Anspannung in non-verbale Informationskanäle abzuleiten. Man ‚öffnet sich‘ quasi im Wortsinn – sogar ganzheitlich, mit dem eigenen Körper und mit dem freien Geist.
    Zudem kann man durch die eigenen Lacher das Wesentliche vom Unwichtigen lautierend voneinander abgrenzen. Als Faust-Regel gilt allgemeinhin: Gewitzelt wird über das, was besonderes Gewicht hat.
  • …das Mitlachen vom Auslachen unterscheidbar zu machen, zum Beispiel durch die punktgenaue Positionierung lautmalerischer Markierungen. Am Satzende signalisieren sogenannte linguistische ‚Lachpartikel‘ wie „h“ bzw. „ha“, dass es okay ist, zu lachen bzw. dass das Lachen des Publikums vom Redner bzw. von der Rednerin willkommen geheißen wird.
    Die sprechende Person erhält auf diese Weise die Rückmeldung, dass die Information aufgenommen wurde und die Aufmerksamkeit der Zuhörerschaft intakt ist. Die rednerische Leistung wird also unterstützt und letztlich vertieft.
    Allerdings kann das Publikum den Kommunikationsfluss auch in die (Zer-)Störung steuern und – quasi platonisch – sich ‚zu eigen‘ machen. Das passiert mitunter, wenn beispielsweise an unerwarteten Stellen in den Vortrag ‚hineingelacht‘ wird. Dass die Zuhörer_innen den Redeinhalt abweichend bzw. gar nicht begreifen tritt dadurch nämlich offen zutage. Die Konzentration des Sprechers bzw. der Sprecherin läuft folglich Gefahr, unterminiert zu werden. Die rhetorische Fehleranfälligkeit steigt – wie auch die Chance, einen Themenwechsel zu initiieren, und zwar individuell (als Redner_in) oder kollektiv (als ‚geschlossener‘ Publikumsblock.)
  • …das ‚verzögerte Lachen‘ aus der linguistischen Warte heraus aufzuschlüsseln; daran zeichnet sich ab, ob das Publikum Unverständnis bzw. Ablehnung zeigen wird. Als Redner_in kann man das eigene verzögerte Lachen allerdings auch für sich selbst nutzen, zum Beispiel, um sich zu korrigieren. Verzögert zu lachen bedeutet nämlich u.a.: den Sprechfluss eigeninitiativ in eine andere Bahn zu überführen, eine alternative Kommunikationsebene anzustreben und die Unsicherheit im aristotelischen Sinn zu verdecken.
    In diesem Zusammenhang differenziert Merziger beispielsweise zwischen ‚Lachsprechen‘ und ‚Sprechlachen‘: „Beim Lachsprechen sind einzelne Silben, Wörter oder Sätze mit einem lachenden Unterton versehen. (…) Die Äußerung bleibt aber noch verständlich. Dominiert das Lachen, handelt es sich um ein Sprechlachen, das nur schwer verständlich ist und erhöhte Aufmerksamkeit erfordert.“
  • …mit dem Lachen Schluss zu machen – etwa, indem man ernsthaft bleibt, stöhnt, keucht, seufzt, sich räuspert oder zum Mantel aus ‚markantem‘ Schweigen greift.
    Dadurch drückt man auf die redensartliche Spaßbremse‘, um die kommunikationstechnische Wirkung förmlich zu erzwingen.
  • …dass selbstproduzierten Lachern der Effekt von Eigen-Sabotage inneliegen kann. Zum Beispiel, wenn man während des Sprechens gedanklich vorausprescht und bereits vor der Pointe sich selbst zum Lachen bringt.

Neben diesen zeitbezogenen Kommunikationsschienen hält Merziger fest: „Auch die Art des Lachens ist entscheidend: Länge, Intensität, Tonhöhe und Tonhöhenverlauf, Vokalisierung und das körpersprachliche Verhalten.“ Zudem macht sie kulturspezifische Unterschiede aus: Statistisch betrachtet würden zum Beispiel Engländer_innen dazu neigen, bereits vor dem Sprechen zu lachen, um ihren Sprechakt hinauszuzögern oder sich im Vorhinein zu entschuldigen. Italiener_innen lachten eher nach dem Sprechen, um ihrem Gegenüber die Zeit für Antworten einzuräumen.
In ihrer stichprobenartigen Analyse von 34 Interviews ‚von Frau zu Frau‘ kommt die Autorin zu dem Zwischenfazit, dass ost-deutsch sozialisierte Frauen häufiger lachen als die west-deutsch sozialisierte Vergleichsgruppe.
Merzigers geschlechtsspezifisches Fazit lautet insgesamt: „Frauen lachen verstärkt situativ, inklusiv und selbstbezogen, zeigen einen ‚ausgleichenden‘ Humor („coping humour“)“ – und generations-typisches Lachverhalten. Im biologischen Lebensalter von über 60 Jahren würden Frauen zurückhaltend lachen, während sie zur Lebensmitte eher mehr lachten als davor oder danach. Dass ich selbst in (fast) jeder Lebenslage lache – meist mehrfach am Tag – mag damit erklärt sein.

Über SATZBAUWERK - Jana V. Chantelau

In Berlin leite ich die Agentur SATZBAUWERK. Meine Schwerpunkte liegen in der Texterstellung, Kampagnen-Planung und Krisenkommunikation.

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