Im Abseits des wissenschaftlichen und technologischen Fortschritts gibt es Phänomene, die sich der schlüssigen Erklärung derzeit entziehen. Mitunter erweist sich bereits ihre Dokumentation als schwierig. Diese Charakteristika greifen zum Beispiel bei der sogenannten WLAN-Allergie (alternativ auch als Wi-Fi Allergie bzw. als Wi-Fi Syndrom bekannt).

Erstmals wurde die WLAN-Allergie bei Menschen aus New York City (USA) ausgemacht. An den Verhaltensmustern der WLAN-Allergiker_innen fiel auf, dass sie Orte und Objekte aktiv meiden, sobald sie zur inneren Überzeugung gelangen, an diesen Orten bzw. anhand dieser Objekte in eine drahtlose Netzwerkumgebung hineinzugeraten.
Die Betroffenen begründeten ihre Strategien des bewusst ausgeübten Verzichts u.a. mit diffusen Beschwerden wie Nasenbluten, Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Schwankungen, Panik-Attacken, Angst-Zuständen, Schwindelgefühlen, Muskelkater, Kopfschmerzen, Migräneschüben, Hautbrennen, Gesichtshautverunreinigungen, Magenverstimmungen, Erinnerungs-, Denk- und Konzentrationsblockaden. In der unmittelbaren Umgebung von WLAN-Empfang würden sie die Symptome ratz-fatz entwickeln.

Durch gerät-medizinische Messungen konnten die genannten Symptome zwar verifiziert werden. Bis dato gilt die Ursache allerdings als unklar. Deswegen ist die WLAN-Allergie per Definition keine Krankheit, sondern eine Intoleranz.

In der wissenschaftlichen Fachsprache wird sie allgemeinhin als ‚auf elektromagnetische Felder zurückgeführte idiopathische umgebungsbedingte Intoleranz‘ erfasst, bzw. als Idiopathic Environmental Intolerance Attributed To Electromagnetic Fields (I.E.I-EMF). Alternative Bezeichnungen sind: ‚elektromagnetische Hypersensitivität‘ (EHS) bzw. ‚Elektro-Sensitivität‘ (ES).
Psychologisch versierte Fachleute wie Dr. Michael Witthöft vom Psychologischen Institut in Mainz arbeiten daran, klinische Erklärungen für diese Phänomenologie aufzutun und therapeutische Konzepte zu entwickeln.
Im Jahr 2007 hat Witthöft seine Doktor-Arbeit signifikanterweise zum Thema „Attentional Bias, Memory Bias, and Symptom Attribution in Idiopathic Environmental Intolerance and Classical Somatoform Disorders“ an der Universität in Mannheim abgeschlossen – mit Summa Cum Laude.

Die Lebenseinschränkungen nehmen bei circa zehn Prozent der WLAN-Allergiker_innen relativ gravierende – wenn auch in der Regel:
selbst gesetzte – Ausmaße an.

Dazu gehört beispielsweise der freiwillige Selbst-Ausschluss von den Mitteln mobiler Kommunikation: Die Betroffenen sehen sich außerstande, Handys, Tablets oder Laptops zu nutzen. Zudem beschränken sie ihren sozialen Bewegungsradius aus eigenem Antrieb heraus auf die WLAN-freien Zonen. Die WLAN-fähigen öffentlichen Räume betreten sie konsequenterweise kaum. Dazu zählen in Deutschland zum Beispiel zahlreiche Cafés und Gaststätten, aber auch Bildungseinrichtungen und innerstädtische Knotenpunkte – etwa Universitäten, Bibliotheken und Museen, Hauptbahnhöfe und Flughäfen.

Die Folgen der WLAN-Allergie führen u.a. zu persönlichen Schwierigkeiten…

  • …einen akademischen Bildungsweg zu beschreiten
  • …Ausbildungsberufe aufzunehmen, die ohne Gerätetechnik nicht auskommen
  • …bzw. Berufe auszuüben, die den Einsatz von Computertechnologien erfordern.

Wer trotz der internationalen Sicherheitsstandards unter Elektrosmog leidet,
verliert die körperlichen Beschwerden in der Regel, sobald strahlungsarme Gebrauchsgegenstände angeschafft werden. Oder wenn der räumliche Abstand zwischen den Einzelgeräten vergrößert wird bzw. die Stecker von den derzeit marktüblichen Eurosteckern auf die früher üblichen Schutzkontakt-Stecker-Systeme (SchuKo) umgerüstet werden.
Bei WLAN-Allergiker_innen greifen solche Maßnahmen zumeist nicht, weil sie auch auf nicht-ionisierende elektromagnetische Felder reagieren, die keine unmittelbare Wärmeabstrahlung generieren.
Zudem haben die bisherigen Test-Reihen unter Labor-Bedingungen aufgezeigt, dass die WLAN-Allergiker_innen allgemeinhin keine Unterschiede zwischen den tatsächlichen und den vorgetäuschten elektromagnetischen Feldern ziehen können – ähnlich wie bei den Effekten am sogenannten Pawlowschen Hund – sodass nicht auszuschließen ist, dass ein Teil der personenspezifischen Ängste eigendynamisch rationalisiert wird, bis ein dazu passendes körperliches Symptom eintritt – etwa nach dem Denkmuster: „Radioaktivität bleibt lebensgefährdend und unsichtbar; warum sollte die Elektrodynamik und die elektromagnetische Welle anders wirken?“

Vor diesem Hintergrund nehmen medizinische Journalistinnen wie B. Blake Levitt an, dass bei der WLAN-Allergie psychosomatische Querbezüge zu ziehen sind, zum Beispiel zum Burnout-Syndrom wie auch zum Nocebo-Effekt.

Und dass die Ursachen eventuell in psychischen Verstimmungen liegen könnten. Solche Annahmen stützen sich u.a. auf einen Bericht der englischen Health Protection Agency (HPA) aus dem Jahr 2005, in dem WLAN-allergische Reaktionen u.a. einem erhöhten Bewusstsein für Elektromagnetismus zugeschrieben werden, das infolge von medialer Berichterstattung eingetreten sei.
Allerdings hat bereits ein Jahr später eine Pilot-Studie von Dr. Michael Landgrebe et al in einem Bericht an das deutsche Bundesamt für Strahlenschutz auch darauf hingedeutet, dass die Hirnphysiologie von WLAN-Allergiker_innen sich abhebt gegenüber der nicht-allergischen Kontrollgruppe. Als Ursache für die WLAN-Allergie ist deshalb eine überdurchschnittliche Stress-Empfänglichkeit gleichermaßen in Betracht zu ziehen.

Gegenwärtig richten sich die therapeutischen Ansätze u.a. nach den Empfehlungen
der Health Protection Agency (HPA) von 2005 und kombinieren Formen kognitiver Verhaltenstherapie mit Akupunktur und der chinesischen Körpertherapie
Shiatsu.

Über SATZBAUWERK - Jana V. Chantelau

In Berlin leite ich die Agentur SATZBAUWERK. Meine Schwerpunkte liegen in der Texterstellung, Kampagnen-Planung und Krisenkommunikation.

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  1. Sylvia Ciolla sagt:

    Ich wünsche Ihnen das nicht, über was sie hier geschrieben haben. Ton und Wortwahl können einem nicht gefallen, wenn man selbst ES ist. Ich würde z.B. gerne ein smartfon und andere Dinge benutzen. Habe oft starke Kopfschmerzen. Im Ausland ist es z.T. noch viel schlimmer, da die Mobilfunkmasten viel mehr Leistung raushauen und es teilweise keine Grenzwerte gibt.
    ES sind keine Hypochonder oder so was. Viele möchten gerne ein ganz normales Leben führen. Wie das heute gemacht wird, das ist eine Form von Körperverletzung und Hausfriedensbruch. Man hat nicht einmal das Recht auf eine Wohnung ohne Mobilfunkstrahlung. Selbst wenn ich gar kein Handy benutze, ist die Strahlung immer da.
    Ich wünsche das wirklich niemandem, ES zu sein. Oder doch? Vielleicht würden dann mehr Menschen verstehen, wie unangenehm das ist?!

    • Guten Tag Frau Ciolla,
      dass mit der WLAN-Allergie oftmals ein Leidensdruck einhergeht, und auch persönliche Einschränkungen in der Alltagsbewältigung die Folge sein können, ist mir durchaus bewusst. Gerade deswegen ist mir wichtig gewesen, mithilfe des Blog-Beitrags zur Aufklärung beizusteuern – u.a., damit die Betroffenen gerade nicht als hypochondrisch wahrgenommen werden, sondern damit die gesundheitsspezifischen Wirkungskreisläufe für Nicht-Betroffene klarer werden und das Verständnis für die Symptomatik zunehmen kann.
      Herzliche Grüße aus Berlin, Jana Chantelau

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