Ein Jahr nach dem Mauerfall bekam Karl Fruchtmann neo-nazistische Drohbriefe, die – im Unterschied zu den Vorjahren – nicht mehr anonym verschickt worden waren. Seine Vermutung, dass die gesamtdeutsche Gesellschaft an das militaristisch geprägte Preußentum anknüpfen würde, hat Karl darin bestätigt gesehen.

Zudem mehrten sich die Presse-Berichte über die sogenannten ‚No-Go-Areas‘ in den neuen Bundesländern. Folglich kommentierte Karl den Zulauf demokratiefeindlicher Kräfte wie auch die Lethargie der Vertreter_innen des Rechtsstaats in seinem TV-Spielfilm Tote Briefe – Wer rettet Joshua? (1991, ZDF) analytisch-kritisch und mit finster-satirischem Humor. Zeitweise erschien – nicht nur für Karl – die ‚innere Sicherheit‘ in Deutschland keineswegs selbstverständlich zu sein.
Während Karl im Herbst 1990 und im Alter von 74 Jahren noch die Dreharbeiten in Afrika stemmte, stromerte ich mit seiner kanadischen Frau Janet durch den Bremer Bürgerpark. Ein Sturm zog auf, verlieh dem Tageslicht eine artifizielle Ausstrahlung und verdüsterte die Abenddämmerung. Janet bekam Angst und umklammerte meinen Arm. Sie hatte rund 40 Jahre zuvor im damaligen Jugoslawien (1918 – 1992) mit britischen Sozialist_innen eine Bahnstrecke für den Staatschef ‪Josip Broz Tito verlegt. Die verbauten Gleise stammten aus dem sowjetischen Sektor Ost-Berlins, sodass ich für angebracht hielt, Janets Beklommenheit gesanglich ins Garaus zu treiben.
Zum ersten Mal in meinem Leben stimmte ich die Hymne eines Staates an, den es offiziell gar nicht mehr gab: In Auferstanden aus Ruinen (8. Februar 1950) klingt nämlich melodisch wie textlich das Kampflied The Internationale (ca. 1871) nach. Und auch das jugoslawische Staatsgefüge schickte sich gerade an, auseinanderzubrechen.

Seinen Lobgesang auf die Deutsche Demokratische Republik (DDR) hat
Johannes R. Becher in der ersten Strophe wie folgt formuliert:

„Auferstanden aus Ruinen
Und der Zukunft zugewandt,
Lass uns dir zum Guten dienen,
Deutschland, einig Vaterland.
Alte Not gilt es zu zwingen,
Und wir zwingen sie vereint,
Denn es muss uns doch gelingen,
Dass die Sonne schön wie nie
|: Über Deutschland scheint.“

Die ersten beiden Zeilen verbinden das geschichtliche Bewusstsein für die Zerstörungskraft des Zweiten Weltkriegs mit der Zukunftszuversicht, dass der Friedensschluss eine neue Ordnung zu begründen vermag.

Dieser Optimismus mündet in der Aufforderung, bürgerschaftliche Verantwortung für die Nation insgesamt zu tragen, denn: „Zum Guten dienen“ birgt auch den Appell, nach der eigenen moralischen Überzeugung zu handeln, im Sinne des zivilen Ungehorsams und im Geist des sogenannten ‚kategorischen Imperativs‘ von Immanuel Kant
(1724 – 1804), demzufolge als Gebot der Vernunft gilt, dass das individuelle menschliche Tun die Rechte aller Menschen würdigen soll, weil sie in der Regel von den Folgen solcher Einzelentscheidungen mitbelangt werden.
Hiergegen ist der Begriff der „alten Not“ relativ bedeutungsoffen. Im Jetzt und Hier assoziiere ich damit die soziale Armut, die u.a. den Nährboden für politische und persönliche Radikalisierungen schaffen kann.
Im jungen Erwachsenenalter bezog ich die „alte Not“ auf die anti-demokratischen Unterdrückungsmechanismen, die sich u.a. in nazistischen und neo-nazistischen Grundhaltungen niederschlagen, weil in der zweiten Strophe die ‚alte Not‘ als ‚des Volks Feind‘ personifiziert wird – und auch, weil ich ein alt-griechisches Wortverständnis von ‚Volk‘ habe, im Sinn von ‚dēmos;‘ und von Demokratie als ‚Volksherrschaft,“ die ‚einig‘ die ganze Nation zusammenhält.

Die zweite Strophe hat Becher
wie folgt geschrieben:

„Glück und Frieden sei beschieden
Deutschland, unserm Vaterland.
Alle Welt sehnt sich nach Frieden,
Reicht den Völkern eure Hand.
Wenn wir brüderlich uns einen,
Schlagen wir des Volkes Feind!
Lasst das Licht des Friedens scheinen,
Dass nie eine Mutter mehr
|: Ihren Sohn beweint.“

In Bezug auf die Staatsräson rufen die ersten vier Zeilen zur Bescheidenheit auf,
um sich mit anderen Gemeinschaften auf den dauerhaften Friedenserhalt
zu verständigen.

Darin liegt eine Prophezeiung inne, die sich im sogenannten Vier-plus-Zwei-Vertrag historisch bereits erfüllt hat. Bis die DDR der BRD am 03. Oktober 1990 formal beigetreten ist, haben schließlich die ehemalige Sowjetunion, USA, Großbritannien und Frankreich die völkerrechtliche Verantwortung für Gesamtdeutschland getragen, sodass sich deren Vertrauen in die deutsche Friedfertigkeit und Demokratiekompetenz für den deutsch-deutschen Einigungsprozess als unersetzbar erwies.
Zudem enthalten die Zeilen die Vision für ein pazifistisch geeintes Europa, das durch überparteiliches Zusammenwirken zu formen und zu festigen ist, um letztlich nichts weniger zu sichern als: den Weltfrieden – zum Beispiel in Form von internationalen Resolutionen und Abkommen, um sich brüder- und schwesterlich ‚zu einen,‘ statt den großmächtigen Alleingang zu beschreiten. Und um auf dieser Grundlage die Despoten gemeinschaftlich zu sanktionieren.

Ähnlich hellsichtig wirkt im Nachhinein auch die dritte Strophe.
Der Wortlaut ist wie folgt:

„Lasst uns pflügen, lasst uns bauen,
Lernt und schafft wie nie zuvor,
Und der eignen Kraft vertrauend,
Steigt ein frei Geschlecht empor.
Deutsche Jugend, bestes Streben
Unsres Volks in dir vereint,
Wirst du Deutschlands neues Leben,
Und die Sonne schön wie nie
|: Über Deutschland scheint.“

Als der Alt-Bundeskanzler und Friedensnobelträger Willy Brandt am 10. November 1989 in Berlin meinte: “Nun muss zusammenwachsen, was zusammengehört” schien er den Geist der Strophe zumindest zu tangieren – wie auch der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl, der knapp acht Monate später die folgende Utopie formulierte:Durch eine gemeinsame Anstrengung wird es uns gelingen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Sachsen und Thüringen schon bald wieder in blühende Landschaften zu verwandeln, in denen es sich zu leben und zu arbeiten lohnt.“

Dass Becher die erste wie auch die letzte Strophe der Hymne mit Schönwetter-Prognosen beschließt, mag schlichtweg auf rhetorischen Kitsch zurückzuführen zu sein und somit zu seinem diffamierenden Beinamen ‚Erbrecher‘ beigetragen haben.

Bis dato verwundern und amüsieren mich diese refrain-artigen Zeilen. Immerhin liegt die besonders warme Klimazone von Freiburg im Breisgau im alten Bundesland Baden-Württemberg und kann weder geografisch noch geologisch quer durch Deutschland verlegt werden. Aus meinem west-deutsch geprägten Politik-Verständnis heraus assoziiere ich mit ‚Sonnenschein‘ den sogenannten Prager Frühling von 1968 – er entfaltete sich allerdings in der damaligen Tschechoslowakei und knapp 18 Jahre nach Bechers Hymnen-Text. Zudem erinnere ich mich an die archivierten Fernsehbilder, die zeigen, wie Willy Brandt im Jahr 1970 als Bundeskanzler der Bundesreupblik Deutschland nach Erfurt gereist ist, um sich mit dem Regierungschef der DDR – Willy Stoph – zu treffen. Denn drei Jahre vor meiner Geburt begrüßte Brandt sein Gegenüber mit den Worten: „Ich danken Ihnen sehr für die Begrüßung, und dafür, dass Sie gutes Wetter bestellt haben.“

Über SATZBAUWERK - Jana V. Chantelau

In Berlin leite ich die Agentur SATZBAUWERK. Meine Schwerpunkte liegen in der Texterstellung, Kampagnen-Planung und Krisenkommunikation.

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  1. Rüdiger Schubert sagt:

    Eine hervorragend gelungene Interpretation des Becherschen Hymnen-Textes, was ja bekanntlicherweise auch durch die Musik von Hanns Eisler zur DDR-Nationalhymne erkoren wurde!
    Zu meiner Zeit als Ossi-Kind (1966 wurde ich eingeschult) mussten wir diese Strophen auswendig herbeten und auch singen, ohne die wahre Bedeutung vollständig zu erfassen. Und wenn doch, dann wurde dieser Aspekt nur einseitig unter dem ideologischen Aspekt des Realsozialismus betrachtet.
    Mit diesem Artikel, Jana, habe ich nun ein anderes differenziertes Verhältnis zu dieser Hymne auf eine Republik, die nie wirklich eine war, gewonnen.

    • Lieber Rüdiger,
      besten Dank für dein Feedback – das spornt mich an für die nächsten Blog-Beiträge… textlich betrachtet finde ich „Auferstanden aus Ruinen“ ziemlich gelungen, wunderschön und im positiven Sinn eigenständig.
      Herzliche Grüße,
      Jana

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