Die Filme von Ernst Marischka über Sissi (1955), Sissi – Die junge Kaiserin (1956) und Sissi – Schicksalsjahre einer Kaiserin (1957) haben mich von klein auf beeindruckt. Im Alter von sieben Jahren fing ich an, das Stück Frieden (1981) zu schreiben – und war inspiriert von der Volkshymne Gott erhalte Franz den Kaiser.

Dass Franz Joseph Haydn (1732 – 1809) eine leidenschaftlich-ergreifende Melodie zu diesem österreichischen Liedtext komponierte, wunderte mich wenig, denn sowohl das darstellende Spiel von Karlheinz Böhm wie auch die schauspielerische Leistung von Romy Schneider (1938 – 1982) hatten mich davon überzeugt, wie die grundgütige Wirkung der kaiserlichen Entscheidungen zustanden gekommen war – und wie sie sich friedensbildend entfalten konnte.
Vor diesem Hintergrund rätselte ich darüber, warum die kreativen Köpfe meiner eigenen Nation außerstande schienen, eine originäre Musik für die Nationalhymne meines Landes zu schreiben und kurzerhand das Werk eines niederösterreichischen Vertreters der Wiener Klassik adaptierten, um ein Zitat aus dem Lied der Deutschen von ‪August Heinrich Hoffmann von Fallersleben‬ (1798 – 1874) darüberzulegen.

Im Jahr 1991 bestätigten der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker und der amtierende Bundeskanzler Helmut Kohl die textliche Fassung der aktuellen deutschen Nationalhymne. Statt einer Überschrift trägt sie den kategorischen Titel „Nationalhymne“ und besteht einzig aus der dritten Strophe, die drei Aufrufe und eine These enthält. Sie lautet wie folgt:

„Einigkeit und Recht und Freiheit
für das deutsche Vaterland!
Danach lasst uns alle streben,
brüderlich mit Herz und Hand!
Einigkeit und Recht und Freiheit
sind des Glückes Unterpfand:
Blüh im Glanze dieses Glückes,
blühe, deutsches Vaterland!“

Dass sich am 30. Januar 1933 die demokratischen Kräfte der Weimarer Republik mehrheitlich ‚einig‘ darin wurden, Adolf Hitler (1889 – 1945) als Reichskanzler zu vereidigen und damit die Regierungsgewalt auf die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) ‚rechtsgetreu‘ zu übertragen, verleiht den ersten vier Zeilen einen bitteren Beigeschmack.

Denn bereits ab dem Jahr 1925 hatte Hitler in seinem Bestseller Mein Kampf seine diktatorischen Ziele öffentlich dargelegt und letztlich die ‚Freiheit‘ der Meinungsäußerung genutzt, um eben diese Endabsichten zu verwirklichen.
Zudem beinhalten die Zeilen drei und vier den Appell einer Einzelperson an das Kollektiv der Masse, zur Tat zu schreiten – allerdings ohne zu konkretisieren, wie ein solches Handeln auszusehen hat, sodass die inhaltliche Bedeutung offen bleibt.
Aus diesen Gründen habe ich mit der ersten Hälfte des Textes erst mit dem Mauerfall am 09. November 1989 den inneren Frieden schließen können. Die Zivilcourage der Bürger_innen der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) im Zuge der sogenannten Montagsdemonstrationen öffnete mir ein verändertes Verständnis der bundesrepublikanischen Nationalhymne, weil mir allmählich dämmerte, dass die deutsche Geschichte auch den umgekehrten Weg gehen kann – nämlich von der Diktatur zur Demokratie – sofern das Volk ‚bestrebig‘ und gemeinschaftlich den Willen nach freiheitlicher Rechtsstaatlichkeit zeigt und sich darin einig bleibt.
Die zweite Hälfte des nationalhymnischen Textes der Bundesrepublik Deutschland beginnt mit einer These darüber, worin sich das Glück der deutschen Nation begründen kann – kurzum: in ‚Einigkeit und Recht und Freiheit.‘
Der Fall der Berliner Mauer brachte hierfür das historische Beispiel, weil sich ad hoc als notwendig erwies, auf der Grundlage des Völkerrechts eine international verbindliche wie auch verwalterisch umsetzbare Form zu schaffen, um die zwei grundverschiedenen deutschen Staaten zueinanderzuführen. Dies schlug sich – quasi als ‚Unterpfand‘ – in Kompromissen nieder, zum Beispiel dergestalt, dass dem nunmehr gesamtdeutschen Bundestag Minister_innen ohne Geschäftsbereich angehörten wie etwa Tatjana Böhm oder Matthias Platzeck.
Die abschließenden Zeilen richten sich buchstäblich ‚dem Grunde nach‘ an die ‚Mutter Erde‘, auf der das Volk zu Fuße steht, auf dass der Boden fruchtbare Blüten treibe – statt furchtbare.

Über SATZBAUWERK - Jana V. Chantelau

In Berlin leite ich die Agentur SATZBAUWERK. Meine Schwerpunkte liegen in der Texterstellung, Kampagnen-Planung und Krisenkommunikation.

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