„Die roten Matrosen“ von Klaus Kordon
Beltz & Gelberg Verlag, 15. Auflage 2013
480 Seiten, € 9,95

Um die sozialpolitischen Umbrüche nach dem Ersten Weltkrieg (1914 – 1918) aufzuzeigen, fokussiert sich der renommierte Jugendbuchautor Klaus Kordon auf ein einziges, wenn auch richtungsweisendes Jahr deutscher Geschichte und lokalisiert weite Teile der Handlung in einem für sich stehenden Mietshaus aus dem Berliner Wedding: Es grenzt bis dato an den vierten Hinterhof der Ackerstraße 37 an.
Hier erlebt der zwölf- bis dreizehnjährige Arbeiterjunge Helmut (‚Helle‘) u.a., wie die Streik-Aktionen der Matrosen der kaiserlichen Marine einen Wettstreit über das künftige Regierungssystem Deutschlands vom Zaun brechen. Denn zwischen den Novembertagen von 1918 bis zum Jahresausklang 1919 steht die deutsche Zivilgesellschaft noch zwischen den letzten Zügen der Monarchie Kaiser Wilhelms II. (1859 – 1941), dem Auftakt der parlamentarischen Demokratie – und dem Modell einer kommunistisch geprägten Räterepublik, das beispielsweise von Rosa Luxemburg (1871 – 1919) vehement ins Feld der Diskussion geführt wurde.
Innerhalb der eigenen Familie erfährt Helmut, dass seine sozialdemokratischen Eltern zunehmend radikal denken und letztlich in die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) eintreten werden, während andere Bezugspersonen für den späteren Reichpräsidenten Friedrich Ebert (1871 – 1925) die Partei ergreifen.
Parallel dazu verändert sich Helmuts Freundschaft zum gleichaltrigen Fritz. Fritz kommt nämlich aus einem kaisertreuen Umfeld und nimmt die bürgerkriegsähnlichen Zustände zunächst aus der Gegenperspektive wahr. Allerdings ist auch er im Berliner Arbeitermilieu verankert, sodass er Helmut zu einer Demonstration der aufständischen Seeleute begleitet. Bei dieser Gelegenheit freunden sich die beiden Jungen mit den Matrosen Heiner und Arno an. Dadurch geraten sie selbst mehr und mehr in die Ereignisse der sogenannten Novemberrevolution hinein.
Durch die geschickte Verknüpfung fiktiver Protagonist_innen mit real-historischen Handlungsträger_innen gelingt Klaus Kordon ein einfühlsames Portrait über das Alltagsleben in der damaligen Hauptstadt Berlin. Zudem erklärt der Autor das historische Wirrwarr ausgewogen, sachlich-akkurat und mit humorvollen Zwischentönen, sodass auch erwachsene Leser_innen an diesem Lesestoff ihre Freude haben werden.
Der Verlag empfiehlt den Roman ab einem Lebensalter von 14 Jahren. Klaus Kordon hat alternativ dazu eine gleichnamige Schulbuch-Ausgabe erarbeitet.

 

„Charlotte Salomons Buch: Leben oder Theater? Ein Singspiel in 769 Bildern“
herausgegeben von Gary Schwartz
Kiepenheuer & Witsch Verlag, 1981
784 Seiten, z.Z. vergriffen

Als ich die kanadische Malerin Janet Fruchtmann fragte, woraus sich die Ideen zu ihren Bildern nähren, kramte sie zunächst zerdrückte Blechdosen, abgetragene Schuhsohlen, Gold-Nuggets aus Alaska und Volkskunst der Inuit vorher… bis sie schließlich das mehrere Kilo schwere, oben genannte Buch auf den Tisch legte und anmerkte: „Weil ich mit dir darüber sprechen will, wirst du das leider lesen müssen.“
Nicht nur wegen des wuchtigen Formats erwies sich die Lektüre tatsächlich als Schwerstarbeit, denn zwischen den Buchdeckeln liegt nichts weniger als das vollständige Lebenswerk von Charlotte Salomon (1917 – 1943). Sie wurde im Jahr 1943 im Vernichtungslager Auschwitz ermordet.
Drei Jahre zuvor hatte Salomon im Alter von 23 Jahren damit begonnen, ihre fiktional untersetzte Autobiografie in über eintausend Gouachen festzuhalten und mit tagebuch-ähnlichen Begleittexten zu kommentieren. Ihr leit- wie leidtragender Gedanke, dass die menschliche Existenz überwiegend aus Unterjochung, Schmerz und Todessehnsucht bestehen würde, zieht sich wie ein blutroter Faden durch diese außergewöhnliche Form der Selbst-Dokumentation – und wird noch dazu durch die alltäglichen Erlebnisse von Salomon auf furchtbare Weise näher begründet: zum Beispiel durch den Selbstmord ihrer innig geliebten Großmutter im März 1940.
Dieses Ereignis brachte das Familiengeheimnis zutage, dass auch Salomons Mutter infolge eines Suizids gestorben war – statt infolge einer Grippe – und dass sich ihre Tante gleichfalls das Leben selbst genommen hatte.
Salomons bildsprachliche Entwicklung untermalt mit chronologischer Genauigkeit, wie ihr eigener Lebensmut zunehmend dem Nichts zustrebt. Denn trotz ihrer sarkastischen, selbstironisierenden und satirischen Einschübe verflüchtigen sich die visuellen Details mehr und mehr in eilig zu Papier gebrachten Skizzen, die das Hauptgeschehen direkt dokumentieren, statt sich mit nunmehr unnötig erscheinenden Ausschmückungen aufzuhalten.
Aus diesen Gründen erscheint mir ratsam, dass Jugendliche den grafischen Band in Begleitung von Erwachsenen anschauen und lesen, beispielsweise in Ergänzung zum Tagebuch von Anne Frank – von Anne Frank.

 

„Die Kinder von Wien“ von Robert Neumann
Verlag Ab – die Andere Bibliothek, 2008
264 Seiten, z.Z. vergriffen

Robert Neumann (1897 – 1975) entwickelt für diesen Roman einen völlig eigenständigen Duktus, um sechs kriegstraumatisierte Kinder zu portraitieren, die während der Nachkriegszeit in einen zertrümmerten Keller flüchten, um sich gemeinschaftlich zu organisieren: Sie geben sich emotionalen Rückhalt, pflegen sich körperlich gesund und entwickeln Strategien gegen das Verhungern, zum Beispiel, indem sie Werkzeuge herstellen und ihre Beutezüge mit ansteigendem Erfolg koordinieren.
Nachdem ich das Buch im Alter von acht Jahren erstmals gelesen habe, finde ich bis dato wiederkehrenden Anlass, mich an Neumanns Text zu erinnern, weil ‚Wien‘ letzlich jederzeit in jedem Nachkriegsgebiet der Welt liegen kann… und weil psychische Traumata mitunter auch mit dem sprachlichen Kollaps einhergehen.

 

„Lieber wütend als traurig: Die Lebensgeschichte der Ulrike Marie Meinhof“
von Alois Prinz
Suhrkamp Verlag, 5. Auflage 2005
311 Seiten, € 9,00

Der Journalist Alois Prinz fasst die bildungsspezifischen und soziobiografischen Ausgangsbedingungen von Ulrike Meinhof nach, um die inhärente Logik ihres Denkens und Handelns mit erzählerischer Leichtigkeit nachzuzeichnen. Zudem legt der Autor dar, wie sie sich von der früh verwaisten Jugendlichen zur friedensbewegten Christin entwickelte, wie sie zur pazifistischen Anti-Atomkraft-Aktivistin wurde, um schließlich als einflussreiche Politik-Journalistin weitreichende Privilegien zu genießen – zum Beispiel in ihrer Villa im Stadtteil Hamburg-Blankenese und auf der nordfriesischen
Insel Sylt.
Um Meinhofs intellektuelle Veränderungsprozesse alltagsnah zu dokumentieren, zieht der Autor u.a. Hintergrundgespräche heran, die er mit Zeitzeug_innen aus Meinhofs unmittelbarem bürgerlichen Umfeld führen konnte. Gesprächspartnerinnen wie etwa die Pflegemutter Prof. Renate Riemeck (1920 – 2003) werfen hellsichtige Schlaglichter auf die zunehmende Radikalisierung, die sich sowohl im Sprachgebrauch von Meinhof niederschlug wie auch im Jahr 1970 zur ihrer Lebensentscheidung beitrug, sich aus ihrem Berufs- und Familienleben gänzlich herauszulösen – kurzum: ihre kleinkindlichen Töchter zu verlassen und ihre vorherigen Positionen im Hörfunk und in den Print-Medien im doppelten Wortsinn aufzugeben, wie auch letztlich: sich selbst. Danach schloss sich Meinhof der sogenannten Roten Armee Fraktion (RAF) an, um innerhalb dieser terroristischen Untergrundorganisation zum federführenden Kopf aufzusteigen – direkt neben Andreas Baader und Gudrun Ensslin.
Dass Prinz jede Lebensphase gleichberechtigt und überwiegend wertneutral beschreibt, macht die Stärke dieser Biografie aus. Das Leben in der Illegalität nimmt folglich rund ein Drittel des Raumes ein, während der Schwerpunkt in der bürgerlichen Gesellschaft verortet bleibt.
Das Goethe-Institut empfiehlt das Buch für Jugendliche ab 14 Jahren.

Über SATZBAUWERK - Jana V. Chantelau

In Berlin leite ich die Agentur SATZBAUWERK. Meine Schwerpunkte liegen in der Texterstellung, Kampagnen-Planung und Krisenkommunikation.

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