Jeder Mensch hat persönliche Ausstrahlung – und nur Wenigen wird Charisma zugesprochen. Das griechisch-stämmige Wort chárisma ist biblischen Urspungs, wird in der Regel als Gnadengabe übersetzt und u.a. durch die Erzählungen über Paulus von Tarsus gedeutet: Wie vom Blitz getroffen fällt er vom Pferd, erblindet zeitweise und glaubt – quasi ’bestürzt’ – die Stimme von Jesus von Nazaret zu hören.

Die Frage: “Saul, Saul, warum verfolgst du mich?“ schallt nämlich aus dem Himmel heraus. Dieses persönliche Schlüsselereignis löst in Saulus eine selbstwirksame wie
auch fremdverstärkte Transformation aus, denn der Jesus-Jünger Hananias bekommt seine Angst vor dem Unbekannten in den Griff und legt seine ’heilenden Hände’ auf die Verwundungen des Saulus, sodass dessen Sehkraft zurückkehrt und sich Saulus sehenden Auges zum einsichtigen und hellsichtigen Paulus entwickeln kann, der
– buchstäblich aus sich selbst heraus – Licht und Schatten (er-)kennt und zuverlässig
zu differenzieren weiß (zumindest nach der Apostelgeschichte des Lukas im Neuen Testament, 9,1 – 43.)
Ein solcher Hintergrund veranschaulicht, warum sich der Begriff des Charismas den Kategorien des wissenschaftlichen Denkens entzieht: Die charismatische Kraft wirkt nämlich aktiv auf andere ein, während sie in der charismatischen Person selbst passiv und manifest bleibt – und zwar als Ergebnis eines zum Abschluss geführten Verarbeitungsprozesses, der sich im Individuum inbegrifflich verankert hat und physischer wie auch psychischer Natur sein kann – oder sogar beide Formen annimmt, wie bei Paulus von Tarsus.

Aus meiner Lebenserfahrung heraus ist für diesen
Verarbeitungsprozess charakteristisch, dass…

  • …die Erfahrung der ‚inneren Reformation‘ das buchstäbliche ‚Selbst-Bewusstsein‘ der Charismatiker_innen festigt und verdichtet, weil sie angesichts einer außeralltäglichen Krisenphase bereits erlebt haben, wie sie ihre persönlichen Kompetenzen verlässlich und flexibel zur Anwendung bringen können, um positiven wie negativen Ereignissen dieser Art zeitlebens und allenortes ‚gewachsen‘ zu sein – etwa, indem sie ihre Entscheidungsgrundlagen auf die veränderten Bedingungen anpassen oder indem sie schlichtweg in besonderem Maß dazu fähig sind, ihr eigenes Stamina wirklichkeitsnah einzuschätzen.
    Die Comic-Figur Popeye formuliert ähnliche Gedanken u.a. wie folgt: „Ich bin, was ich bin, und das ist alles, was ich bin!“
  • …dadurch nicht zuletzt das Grundvertrauen der Charismatiker_innen in andere Menschen gestärkt wird, weil sie bereits erfahren haben, dass sie mithilfe ihrer adäquaten Selbsteinschätzung, ihrer eigenen Willenskraft, Zukunftszuversicht Empathie-Fähigkeit und Improvisationsgabe externe Einflüsse organisieren, koordinieren und für sich vereinnahmen können – zum Beispiel, um außerordentliche persönliche Situationen im Schulterschluss mit anderen (wieder) in Ordnung zu bringen.
    Aus meiner Warte steckt diese Haltung u.a. hinter dem Ausruf des Aktionskünstlers Joseph Beuys (1921 – 1986): „Zeige deine Wunden und du wirst geheilt! Verberge deine Wunden und du wirst nicht geheilt!“

Folglich fußt das Charisma einer Person auf einer Transzendenz-Erfahrung, die – im Gegensatz zur Extro- oder Introvertiertheit – weder angeboren noch trainierbar ist.

Umständehalber scheint sie vielmehr ‚gnädig‘ einzutreten – oder eben auszubleiben.Darin scheint sich u.a. das ‚visionäre‘ Leistungsvermögen zu begründen, das den Charismatiker_innen von ihrem Gegenüber häufig zugeschrieben wird.
Der außerordentliche Erlebnis- und Wahrnehmungshorizont charismatischer Menschen erklärt auch ihre enigmatische Präsenz im Auge der Betracher_innen. Weil sie keiner großen, geschweige denn: personenübergreifender Worte oder Gesten bedarf, ist sie wissenschaftlich kaum messbar und auch sonst für andere nur schwer zu erfassen.

Über SATZBAUWERK - Jana V. Chantelau

In Berlin leite ich die Agentur SATZBAUWERK. Meine Schwerpunkte liegen in der Texterstellung, Kampagnen-Planung und Krisenkommunikation.

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