„Akira – Band 1“ von Katsuhiro Otomo
Carlsen Verlag GmbH; 4. Auflage, 2000
360 Seiten, € 16,00
vom Verlag ab 14 Jahren empfohlen

Die komplette Akira-Saga erstreckt sich über ungefähr 2.000 Seiten, gilt als Manga-Klassiker der Science-Fiction-Literatur und integriert die Schlüsselelemente des Mystery-Genres, um eine Vielzahl von Schauplätzen stilistisch einzubinden und handlungstragende Figuren heraufzubeschwören und/oder verschwinden zu lassen.
Die Erzählung setzt im „Jahr 2030 AD“ ein. Der Dritte Super-Weltkrieg ist seit 38 Jahren und neun Stunden ein Teil der Menschheitsgeschichte geworden und die japanische Metropole Neo-Tokyo wird von archaisch-katastrophalen Ausnahmezuständen dominiert. Während eine undurchsichtig agierende Regierungsmacht noch darum ringt, mithilfe repressiver bis aggressiver Sanktionsmaßnahmen die mutmaßliche ‚öffentliche Ordnung‘ wiederherzustellen, bilden sich u.a. renitente Jugendgangs heran, die miteinander rivalisieren, Revier-Kämpfe ausfechten, bedeutungsschwere Wettrennen ausmachen und ansonsten kein Zuhause mehr kennen.
Dazu gehören auch die Hauptfiguren Kaneda, Tetsuo und ihre spätere Verbündete Kei. Sie geraten in einen komplexen Machtkampf hinein, der immer wieder um den geheimnisumwitterten Jungen Akira kreist und den Verdacht nahelegt, dass in den staatlichen Forschungslaboren pharmazeutische Menschenversuche mit bewusstseinserweiternden Suchtstoffen durchgeführt werden.

 

„Wenn der Wind weht“ von Raymond Briggs
Wolfgang Krüger Verlag, 1990
ca. 40 Seiten, z.Z. vergriffen, in Antiquariaten sicherlich auffindbar

In ihrem Haus in Großbritannien bereitet sich das pensionierte Ehepaar Hilda und James rund 72 Stunden lang auf einen direkt bevorstehenden Atomkrieg vor. Sie besinnen sich zwar auf ihre Erfahrungen aus dem Zweiten Weltkrieg zurück, stellen aber bald fest, dass in der tagesaktuellen Situation nichts davon praktischen Nutzen bringt. Stattdessen befolgen James und Hilda die öffentlichen Anweisungen zum vermeintlichen Zivilschutz, beachten die offiziellen Durchsagen ihrer Regierung und denken wie im Vorübergehen auch an ihren Sohn Ron. Als die To-do-Liste gerade abgehakt ist, beginnt der nukleare Raketeneinsatz. Und die Langsamkeit des Sterbens.
Zum Comic ist eine gleichnamige DVD erschienen und – erstaunlicherweise – bereits ab sechs Jahren freigegeben worden.

 

„Maus. Die Geschichte eines Überlebenden“ von Art Spiegelman
Fischer-Taschenbuch, 8. Auflage, 2008
300 Seiten, € 14,95

Dieser autobiografische Roman schildert die generationsübergreifenden Traumatisierungen durch den Holocaust aus dem Blickwinkel eines Vater-Sohn-Verhältnisses: Das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau haben die polnisch-jüdischen Eltern Wladek und Anja zwar physisch überlebt, aber unterschwellig prägen die Schreckenserlebnisse von Schikane, Folter und Massenmord die psycho-soziale Dynamik ihres gesamten Daseins – einschließlich des innerfamiliären Beziehungsgeflechts während der unmittelbaren Nachkriegszeit. Anja wird beispielsweise ihren Halt finden, verlieren – und ausgerechnet im jugend- und bürgerrechtsbewegten Jahr 1968 Selbstmord begehen.
Vor dem Hintergrund dieses emotionalen Zusammenbruchs distanziert sich ihr Sohn Artie von seinem Vater und nimmt das Gespräch erst wieder auf, als Wladek ankündigt, erneut heiraten zu wollen. Artie ergreift die Gelegenheit, um Fragen zur Ehe seiner Eltern zu stellen und bekommt Antworten, die u.a. aufzeigen, wie die Alltagserfahrung von Vertrauensverlust, Ausgrenzung, Verschleppung und akuter Lebensbedrohung das Miteinander zweier Menschen stützen wie auch stören kann, warum tatsächlich mehr als ein_e Überlebende_r die Handlung trägt, und dass kaum ein Mensch durchweg als Held oder Heldin taugt.
Der Comic wurde als bester jüdischer Roman mit dem renommierten Cavior Award ausgezeichnet und sorgte weltweit für Diskussionen darüber, ob die Erzählform thematisch zulässig ist, zumal die Protagonist_innen als Tiere unterschiedlicher Arten dargestellt werden: Die Nationalsozialist_innen (Nazis) sind Kater und Katzen, ihre polnischen Kollaborateure und Kollaborateurinnen haben Eber- und Sauköpfe und die jüdische Bevölkerung Europas erscheinen als Mäuse und Mäuseriche.

 

„Die Diva“ von Annie Goetzinger und Pierre Christin,
Edition ComicArt im Carlsen-Verlag, 1984
64 Seiten, z.Z. vergriffen

Der Besuch eines Reporters gibt der Opernsängerin Camille Prévost den Anlass, auf ihr Leben vor und während des Zweiten Weltkriegs zurückzublicken und zum Ende ihrer Karriere ihre öffentliche Reputation mit den persönlichen Empfindungen abzugleichen.
Sie wird 1919 in der französischen Provinz geboren und wächst als Einzelkind im bildungsnahen Arbeitermilieu auf. Ihr Vater betreibt einen Friseur-Salon, in dem ihre Mutter als Kosmetikerin aktiv mitarbeitet. Um Camilles musikalische Begabung zu fördern, vereinbaren die Eltern einen Dienstleistungstausch mit einer Gesangslehrerin – sie bekommt ihre Haar- und Handpflege gratis und bildet im Gegenzug die kindliche
Stimme aus.
Mit der Weltwirtschaftskrise der späten 1920er Jahre schlittert der Friseurbetrieb in die Pleite. Durch die zunehmende Alkoholabhängigkeit des Vaters steigt auch die Armut der Familie, sodass Camille ihre Mutter darin unterstützt, für den Lebensunterhalt aufzukommen: Bei den Abendgesellschaften der höheren Kreise arbeitet Camille als Dienstmädchen. Dort begegnet sie einem zwielichtigen Mäzen, der ihre künstlerische Ausbildung finanziert und sie an internationale Opernhäuser vermittelt.
Bis zum Kriegsende hat Camille in Frankreich den Status einer Operndiva erreicht – und wird als Doppelmörderin und Kollaborateurin der deutschen Besatzung verurteilt.
Der Comic von Annie Goetzinger und Pierre Christin zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass der Einzug der nationalsozialistischen Truppen aus der französischen Perspektive vermittelt wird und die Frage aufwirft, inwieweit das politische Geschehen die persönlichen Entscheidungen und Verantwortungsbereiche beeinflusst. Oder eben nicht. Dabei fallen die Schlaglichter der Erzählung u.a. auf opportunistische Formen von beruflichem Ehrgeiz – wie auch auf armutsbedingte Radikalisierungsprozesse, die dem Rassismus und der Judenfeindlichkeit letztlich zur faktenschaffenden Macht verhelfen… sofern die Bevölkerung gesellschaftspolitisch verarmt und kollektiv ‚erblindet.‘

Über SATZBAUWERK - Jana V. Chantelau

In Berlin leite ich die Agentur SATZBAUWERK. Meine Schwerpunkte liegen in der Texterstellung, Kampagnen-Planung und Krisenkommunikation.

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