„Sartre. 1905 – 1980“ von Annie Cohen-Solal
Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1991
859 Seiten, z.Z. vergriffen

Um die Lebensspuren des französischen Denkers und links-intellektuellen Publizisten Jean-Paul Sartre zu dokumentieren und sortiert zusammenzufassen, stützt sich die französische Literatursoziologin Annie Cohen-Solal auf die Ergebnisse ihrer dreieinhalbjährigen Recherchearbeit – und auf ihren sprachlich präzisen Erzählstil. Dadurch gelingt es ihr, Sartre vom posthumen Mythos frei zu machen. Das literarische Werk streift sie lediglich im Vorbeigehen.
Dasselbe gilt auch für Sartres Begegnungen mit schillernden Zeitgenossen wie Mao Zedong, Fidel Castro, ‪Josip Broz Tito, Che Guevara und Andreas Baader. Stattdessen zeigt Cohen-Solal einfühlsam auf, wie Sartre wurde, wer er war. Dabei tritt zutage, dass sein politisches Denken und zeitgeschichtliches Handeln nicht durchweg schlüssig gewesen ist.
Hiergegen ist Sartres privates Leben – u.a. mit der feministischen Philosophin Simone de Beauvoir – von einer systematischen Ordnung geprägt geblieben und trug eher französische Züge als weltbürgerlich-kosmopolitische.
Dass diese Sartre-Biografie bereits in 16 Sprachen übersetzt wurde, ist u.a. darauf zurückzuführen, dass Cohen-Solal bei der Erstveröffentlichung eine Fülle von Dokumenten präsentieren konnte, die bis dahin öffentlich unbekannt gewesen sind – zum Beispiel die Protokolle, die das U.S.-amerikanische Federal Bureau of Investigation (FBI) über Sartres Nordamerika-Reisen angefertigt hatte.

 

„Simone de Beauvoir. Eine Biographie“ von Deirdre Bair
btb/Goldmann Verlag, 2000
894 Seiten, z.Z. vergriffen

Kurz nachdem ihre Biografie über Samuel Beckett mit dem renommierten National Book Award ausgezeichnet wurde, machte sich Deirdre Bair daran, sich mit dem publizistischen Werk der französischen Denkerin und links-intellektuellen Publizistin Simone de Beauvoir auseinanderzusetzen.
Die letzten fünf Lebensjahre de Beauvoirs nutzte Bair dafür, de Beauvoir zur Entstehungsgeschichte ihrer Bücher zu befragen, politische Modelle zu diskutieren und über ihre Erinnerungen zu sprechen. Darauf folgte eine fünfjährige Schreibphase, bis Bairs Referenz-Werk über de Beauvoir druckreif vorlag.
Im Vergleich zu Cohen-Solals Biografie über Jean-Paul Sartre zäumt Bair ihr „Pferd von der anderen Seite“ auf: Durch ihre U.S.-amerikanische Herkunft richtet sie einen nicht-europäischen Blickwinkel auf Frankreichs kulturelle Nachkriegs-Elite, durch die Wahl ihrer Quellen riskiert sie bewusst ihre eigene Unvoreingenommenheit, statt die Geschichte einer Persönlichkeit nachzuzeichnen, stellt sie das publizistische Werk de Beauvoirs ins biografische Zentrum.
Dass de Beauvoir während der deutschen Besatzung Frankreichs u.a. für die gleichgeschalteten Medien Nazi-Deutschlands gearbeitet hat, tut Bair schlicht als jugendliche Naivität ab. Aus meiner Sicht greift sie damit zu kurz. Trotzdem bin ich froh, Bairs Biografie über de Beauvoir gelesen zu haben: Sie komplementiert Cohen-Solals objektiv(ere) Analyse über das denkerische Duo de Beauvoir-Sartre.

 

„C.G. Jung. Eine Biographie“ von Deirdre Bair
Knaus Verlag, 2005
1165 Seiten, € 29,00

Mit der Biografie über C. G. Jung kehrt Deirdre Bair zu wissenschaftlicher Quellenarbeit zurück, um dahinter zu kommen, wie dieser Narziss in den Ruf geraten ist, zu den ‚Vätern der New Age Bewegung‘ zu gehören, welchen Einfluss er auf die NS-Psychologie genommen hat, warum sich Jung geweigert hat, Adolf Hitler zu therapieren, was Jung an der Astro- und Ufologie faszinieren konnte und wie ihm als Schürzenjäger gelungen ist, mit einer der reichsten Frauen der Schweiz verheiratet zu bleiben – obwohl er eine dauerhafte Geliebte hatte. Und mehrere sporadisch geführte Affären.
Wer sich für widersprüchliche Lebenswege interessiert, findet in dieser Biografie unterhaltsame Abenteuergeschichten. Das psychologische Erbe C.G. Jungs erschließt sich dabei allerdings nicht.

 

„Sister Brother: Gertrude and Leo Stein“ von Brenda Wineapple
in englischer Sprache
Bloomsbury Publishing PLC, 1996
512 Seiten, £25,00

Die Geschwister Gertrude und Leo Stein verhielten sich zeitlebens spiegelbildlich zueinander: zum Beispiel teilten sie ihre Begeisterung für die bildende Künste, für unorthodoxe – wenngleich: privilegierte – Lebensweisen, für Psychologie und Philosophie. Dieser Hintergrund legt eine Doppel-Potrait nahe. Der U.S.-amerikanischen Autorin Brenda Wineapple ist die Aufgabe formidabel geglückt, weil sie ihre neutrale Perspektive durchhält und mit hintergründiger Ironie beschreibt, wie Gertrude und Leo es fertigbrachten, auf vierzig gemeinsame Lebensjahre drei Jahrzehnte der konsequenten Entzweiung folgen zu lassen.

Über SATZBAUWERK - Jana V. Chantelau

In Berlin leite ich die Agentur SATZBAUWERK. Meine Schwerpunkte liegen in der Texterstellung, Kampagnen-Planung und Krisenkommunikation.

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