Wer andere rhetorisch überzeugen will, braucht mindestens zwei Schlüsselkompetenzen, nämlich: emotionale Intelligenz und klare Selbstbeherrschung.

Das gilt vor allem, wenn man mit respektlosen Verhaltensweisen konfrontiert wird, etwa in Form von ‚Herrenwitzen‘, distanzlosem Gepolter, Machtgebärden, scheinbaren ‚Kraft‘-Ausdrücken oder schlicht: penetranter Rechthaberei.
Um die eigene Gefühlswelt ‚trotzdem‘ in einer sozialkompetenten Balance zu halten, ist nützlich, bereits im Vorfeld von Diskussionen, Vorträgen, Fragerunden, Referaten, Verhandlungen u.ä. Veranstaltungen sich bewusst zu machen…

Zudem ist förderlich, die eigenen Anforderungen an die Ausrichter_innen der Veranstaltung auf den ‚inneren Radar‘ zu holen und die persönlichen Maximal-Vorstellungen für sich selbst abzuklären. Durch diese mentale Vorbereitung ergibt sich in der Regel ein positiver Nebeneffekt: Der ‚Anflug‘ des Selbstzweifels legt sich zumeist wie ‚von selbst,‘ sodass die Wahrscheinlichkeit steigt, in der rhetorisch relevanten Situation mit fester Stimme zu sprechen und selbstsichere Töne anzuschlagen, statt stimmsprachlich zu ‚flattern‘ oder gar zu ‚zittern.‘ Darüber hinaus halte ich mich u.a. an folgende empirische Faust-Regeln:

  • Eindeutige Formulierungen wählen,
    um das eigene Anliegen konkret und aktiv zu benennen.
    Beim Einstieg in einen Satz nützen dafür zum Beispiel diese Eröffnungen:
    „Ich trete dafür ein, dass…“
    „Meine Erfahrung zeigt, dass…“
    „Ich will…“, „ich will nicht…“ bzw.: „Ich lehne ab…“, „ich weise zurück…“
  • Eigene Kern-Aussagen selbstbewusst platzieren,
    um der persönlichen Position ein markantes Profil zu geben.
    Dafür taugen beispielsweise diese Herausstellungen:
    „Dieser Aspekt ist mir besonders wichtig, weil…“
    „Für mich hat Vorrang, dass…“
    „Aus meiner Sicht liegt des Pudels Kern darin, dass…“
    „Ein besonderer Knackpunkt ist…“
  • Extreme Positionen ausschließlich
    als Ultima Ratio anwenden.
    Dadurch hält man die rhetorischen Rückzugsräume bewusst offen – für sich selbst wie auch für das Gegenüber – sodass Kompromisslinien auffindbar und sichtbar sind.
    Diese Haltung begünstigt auch das Publikum, denn der Zuhörerschaft bleibt damit die emotionale Zwickmühle erspart, aus dem Impuls heraus für oder gegen eine Person die Partei ergreifen zu wollen.
  • Persönlichen Durchsetzungswillen
    selbstwirksam beibehalten.
    Falls die Argumentation beim Gegenüber auf ‚taube Ohren‘ zu treffen scheint, ist legitim, den eigenen Wortlaut sachlich zu wiederholen und die Wortwahl abzuwandeln bzw. zu variieren, um sicherzustellen, dass die inhaltliche Aussage unmissverständlich formuliert ist.
    Zwar mutiert man bisweilen zum ‚eigenen Plagiat‘, weil man die ‚eigene Sprache‘ reproduziert, statt brandneue Gedankenzüge einzubringen. Allerdings bleibt man dadurch verhaltensklar, tritt für sich selbst ein, steht zur eigenen Überzeugung (statt sich verbiegen zu lassen) und zeigt sich ‚immun‘ in Anbetracht von Ignoranz – bzw. gegenüber den Versuchen, den Dialog destruktiv zu stören.
  • Gemeinsame Nenner herausarbeiten,
    um dem Gegenüber Respekt entgegenzubringen.
    Dadurch signalisiert man, dass zuvorderst „der Inhalt“ zählt bzw. dass es „um die Sache“ geht – statt um Personen, individuelle Einzelinteressen oder gar: persönliche Befindlichkeiten. Denn letztlich hat ein übergeordnetes Anliegen dazu geführt, dass die Diskussion überhaupt zustande kommt und im Jetzt und Hier ebenbürtig ausgetragen wird.
    Wer diesen Bezugspunkt aktiv wachruft, stellt sich unterschwellig ‚in den Dienst der Sache,‘ statt auf einem Egotrip unterwegs zu sein. Dafür nutzen zum Beispiel „sowohl…/ als auch…“-Formulierungen.
  • Sich Denkpausen nehmen, wenn unerwartete Argumente vorgebracht werden
    oder wenn der Diskussionsverlauf eine überraschende Wende nimmt.
    Trotz jeder Vorbereitung bleibt nicht ausgeschlossen, dass auch Diskussionspunkte auftauchen, die man bewusst unkommentiert lassen will oder zu denen man schlichtweg gar nichts beitragen kann. Dann nützen u.a. Formulierungen wie:
    „Ich will das Gesagte erst einmal auf mich wirken lassen“;
    „ich komme später darauf zurück;“
    oder schlichtweg: „Ich will darüber noch nachdenken.“
  • Zu schweigen ist ein rhetorisches Stilmittel, um den Redefluss zu entschleunigen oder um den argumentativen Austausch zu de-eskalieren.
    Schweigen taugt zum Beispiel nach offenkundigen ‚Retourkutschen‘, nach ‚Verbal-Attacken‘ oder wenn mit gesellschaftlich gesetzten Verhaltensregeln augenscheinlich gebrochen werden – etwa in Form von übergriffigen Anspielungen und infamen Sprüchen, ungehörigen Schimpfwörtern u.a. ‚Spielarten‘ der persönlichen Diffamierung.
    Das eigene Schweigen trägt mitunter dazu bei, dass der Angriffsversuch die aggressive Person selbst ‚entblößt‘ und entsprechend negativ auf sie zurückfällt. Zudem wird die Angriffsenergie dadurch gedämpft, dass auf die Druckausübung kein expliziter Gegendruck erfolgt, sondern – quasi ‚ausdrücklich‘ – eine ‚Leerstelle‘ offensteht.
    Auf diese Weise räumt man dem Wüterich eine faire Chance ein, sich ‚wiedereinzukriegen‘ – idealerweise: damit eine angemessene Entschuldigung ‚auf dem Fuße folgen‘ kann.
    Indem man gar nicht für nötig erachtet, sich auf jedes Niveau herabzulassen und keineswegs Gleiches mit Gleichem ‚vergelten‘ muss, schützt man auch die eigene innere Distanz.

Das gilt u.a., weil man beweist, dass man selbst die Gefühle regulieren kann, das Selbstbild stark ist und die Schwätzerei des Gegenübers gerade wenig mehr hergibt als ‚heiße Luft,‘ die eben ‚Dampf im Kessel‘ macht – solange niemand souverän den Stecker zieht.

Über SATZBAUWERK - Jana V. Chantelau

In Berlin leite ich die Agentur SATZBAUWERK. Meine Schwerpunkte liegen in der Texterstellung, Kampagnen-Planung und Krisenkommunikation.

Eine Antwort »

  1. Sabine H. sagt:

    Gerade der Punkt der Deeskalation zur Entschleunigung gefällt mir sehr. Gute Rhetorik Tipps.

Kommentar zur Freigabe einsenden:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s