Wer sich rhetorisch behaupten will, um eine autarke persönliche Position einzunehmen, braucht ein intuitives Gespür für die Fallstricke, die unmittelbar aus der Diskussion heraus entspringen können.

Dazu gehören typischerweise u.a. folgende Vorboten:

  • Nachgeben, ohne vom Gegenargument innerlich überzeugt zu sein
    – zum Beispiel, weil man sich dazu verleiten lässt,
    die eigene Entscheidungsfähigkeit plötzlich anzuzweifeln.
    Auf eine solche Form der Selbst-Sabotage wollte mich zum Beispiel mein vormaliger Telefonanbieter locken, nachdem ich bei der Konkurrenz kostengünstigere Vertragskonditionen ausgehandelt hatte: Ich wurde ca. ein halbes Dutzend mal von diversen Kundenberater_innen kontaktiert, die mich zu motivieren versuchten, meine grundsätzliche Entscheidung zurückzunehmen – etwa, indem sie auf zukünftige Tarife verwiesen, sich für die technischen Ausfälle wortreich ‚entschuldigten‘ oder betonten, was sie bereits geleistet hätten – für mich bzw. für SATZBAUWERK.
  • Mitunter genügt allein die Konfliktsituation, um Menschen dazu zu bewegen, ihre innere Haltung selbst aufzukündigen.
    In meinem privaten Umfeld habe ich zum Beispiel just erlebt, dass die Friseur-Meisterin von nebenan – fast – dazu bereit gewesen ist, ohne jede Beanstandung ein technisches Gerät zu behalten, das gar nicht der Produktbeschreibung entsprach und obendrein im defekten Zustand angeliefert wurde.
    Als ich sie nach ihren Beweggründen fragte, verwies sie darauf, dass sie sich lieber über ein Gerät ärgert, als in der Warteschleife Frust zu schieben und bei der Kunden-Hotline Stress zu machen; dass die Mitarbeiter den Schaden genausowenig verursacht haben wie sie selbst und sie trotzdem keine harmonische Gesprächsatmosphäre erwarten könnten; dass der Streitwert den emotionalen Aufwand einer Auseinandersetzung aufheben würde.
    Dessen ungeachtet hat die Friseur-Meisterin das Konfliktgespräch letztlich in Kauf genommen und dafür ihre Vogel-Strauß-Politik an den Nagel gehängt – u.a., um Streitigkeiten mit ihrem Ehemann zu umgehen.
  • Worte verdrehen oder verbale ‚Weichmacher‘ anwenden, um die eigenen Forderungen zu relativieren – zum Beispiel, um (Selbst-) Mitleid zu erregen oder die innere Harmoniebedürftigkeit zu befriedigen.
    Konjuktivformen wie hätte, wäre, würde und könnte sind klassische Relativierungsformen. Auch Wörter wie: vielleicht, eventuell, möglicherweise, falls und quasi signalisieren unterschwellige Selbstzweifel und geringe Willenskraft.
    Beides geht üblicherweise mit der inneren Bereitschaft einher, die eigenen Redebeiträge wieder zurückzunehmen, um konsensual ‚Ja und Amen‘ zu sagen – und zwar unabhängig davon, ob ein belastbarer Konsens erreicht wurde oder eben nicht.
    Dadurch verkehrt man die rhetorische Standfestigkeit glattweg ins Gegenteil: Man schlingert buchstäblich in ein Vermeidungsverhalten hinein, verleugnet die persönliche Auffassung und verschleppt die Aussicht, tragfähige Kompromisse zu finden.
    Denn statt im Konkreten verankert zu bleiben, anschaulich zu argumentieren und selbstbewusst ‚Farbe zu bekennen‘, verlieren sich die eigenen Positionen im Allgemeinen und werden schlussendlich: farb-, klang- und belanglos.

Dadurch umgeht man zwar, sich rechtfertigen zu müssen, sich grundsätzlich in Frage stellen zu lassen und die entscheidungsrelevanten Informationen durch zusätzliche Quellen verifizieren zu wollen. Allerdings verliert sich dabei auch der eigenständige Sprachgebrauch, der Mut zur Meinung und die Unterscheidbarkeit von anderen, kurzum: die Wirkungskraft des persönlichen Profils ‚an sich.‘

Über SATZBAUWERK - Jana V. Chantelau

In Berlin leite ich die Agentur SATZBAUWERK. Meine Schwerpunkte liegen in der Texterstellung, Kampagnen-Planung und Krisenkommunikation.

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