Jesus von Nazaret gilt religionsübergreifend als weltbedeutende Figur: Zum Beispiel wird er im Islam u.a. als Prophet angesehen, im Judentum gibt es u.a. Bezüge zu Jesus als Lehrer der Tora. Im Christentum greift die Zeitrechnung ‚vor‘ bzw. ’nach‘ Christus.

In der traditionellen Überlieferung werden die letzten Worte von Jesus Christus auf einen Freitag um 15:00 Uhr datiert, in den Rahmen einer ca. sechsstündigen Sterbephase gesetzt und wie folgt aneinandergereiht:

  • „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“
    (Lk 23,34 – Einheitsübersetzung)

Am Anfang steht also das emanzipierte Vater-Sohn-Verhältnis, in dem der Grundsatz inneren Verzeihens bereits vorausgegangen ist. Jesus öffnet sich damit die Möglichkeit, den ‚Vater‘ auf der Ebene der Gleichberechtigung anzusprechen. Denn frei und geradeheraus belehrt er ‚ihn‘, und liefert die Begründung dafür direkt mit – allerdings, ohne die Menschen bei ihren Namen zu nennen.
Diese markante Unterlassung ist insofern nachvollziehbar und stimmig, als dass Jesus die Folgen von Denunziation just am eigenen Körper erfährt. Überdies ist im Evangelium nach Johannes u.a. der sprichwörtliche Satz nachzulesen: „An ihren Taten sollt ihr sie erkennen!“ (1. Johannes 2,1 – 6)
Die Wechselbeziehung zwischen Handeln und Erkenntnis erweitert Jesus recht eindrucksvoll um den Aspekt der Unkenntnis – Unkenntnis, die aus seiner Warte heraus die Konsequenzen des Handelns zu relativieren vermag, insbesondere hinsichtlich des Für und Widers von Schuldhaftigkeit bzw. von Schuldunfähigkeit.

  • „Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“
    (Lk 23,43 – Einheitsübersetzung)

An die globalisierte Verzeihung knüpft Jesus die brüchig-wankende Akzeptanz an, dass der Lauf der Welt unaufhaltsam bleibt. Denn nach der hebräischen Wortherkunft bedeutet ạmen in etwa: – ‚wahrlich; es geschehe.‘
Fürwahr wird Jesus zusehends vom Geschehen herausgelöst – bis zur Erlösung ‚im Paradies‘, das nunmehr keineswegs ‚auf Erden‘ zu sein scheint.
Parallel dazu gerät ein zornig-trotziger Unterton in die Rede von Jesus: Er nimmt den Aufenthaltsort des ‚Vaters‘ unaufgefordert vorweg.

  •  „Frau, siehe, dein Sohn!“ und: „Siehe, deine Mutter!“
    (Joh 19,26-27 – Einheitsübersetzung)

Um auf dem gleichberechtigten Niveau zwischen Kind und Elternteil die weltliche Loslösung fortzusetzen, spricht Jesus seine ‚Mutter‘ zunächst als anonym-abstrahierte ‚Frau‘ an. Er fordert von ihr ein, im Jetzt und Hier die aktive Augenzeugin seines Sterbens zu sein.
Gleichermaßen unverfroren – wenngleich indirekt – weist Jesus seiner ‚Mutter‘ eine neuartige Beziehungsebene zu, indem er sich an seinen Jünger wendet und ihm dieselbe ‚Mutter‘ zuordnet wie sich selbst.
Im selben Atemzug distanziert Jesus sich auch vom eigenen Kindsein, weil er den Jünger unausgesprochen als seinen gleichwertigen ‚Bruder‘ annimmt.

  • „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“
    (Mk 15,34 EU; Mt 27,46 –
    Einheitsübersetzung)

Daran anschließend entzieht Jesus dem die (be)greifbare Gestalt: Sie ist nicht mehr bei ihm, geschweige denn: an seiner Seite.
Folglich formuliert Jesus eine rhetorische Frage, die zwischen bedingungsloser Loyalität, wutentbrannter Anklage und innerem Zwiespalt hin- und herpendelt. Denn Jesus fragt ’seinen‘ Gott nach dem ‚warum‘, ohne dabei zu benennen, in welcher Form er dessen Präsenz erwartet – und ohne vorab an die konkrete Hilfe appelliert zu haben.

  • „Mich dürstet.“
    (Joh 19,28 – Einheitsübersetzung)

Stattdessen besinnt sich Jesus auf seine Körperlichkeit, um zu registrieren, dass auch die eigene Leibhaftigkeit bereits im Begriff ist, auszudürren.
Indem er die physische Mangelerscheinung hinnimmt, erweitert er das Maß seiner Autonomie – allerdings um den Preis, dass ihm das Durstgefühl erhalten bleibt.

  • „Es ist vollbracht.“
    (Joh 19,30 –  Einheitsübersetzung)

Der Lohn der Selbstbestimmung scheint für Jesus allein darin zu liegen, mit der Ablösung von seinem Körper nichts weniger als ein Lebenswerk zum Abschluss zu bringen. In seinen allerletzten – gleichfalls überlieferten – Worten spürt Jesus noch seinen Geistund überträgt ihn kindsgleich auf den Körper seinen ‚Vaters‘, der zwischenzeitlich die Gestalt zurückerlangt hat:

  • „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“
    (Lk 23,46 – Einheitsübersetzung)

 

Über SATZBAUWERK - Jana V. Chantelau

In Berlin leite ich die Agentur SATZBAUWERK. Meine Schwerpunkte liegen in der Texterstellung, Kampagnen-Planung und Krisenkommunikation.

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