Ich erinnere mich an archivierte Filmaufnahmen, die zeigten, wie Judy Garland mit einem theaterblutgetränkten Kopfverband zur Pressekonferenz erschien – wie sie ihr Körpergewicht auf zwei Krücken verlagerte, um bekanntzugeben, dass die Gerüchte um ihren Gesundheitszustand heillos übertrieben seien.

Vor einigen Wochen bin ich selbst gestürzt. Danach habe ich mich aufgerappelt, um ein zweites Mal zu stürzen, weil ich noch nicht realisiert hatte, dass mein Außenband und die Gelenkkapsel im rechten Fuß gerissen waren. Obendrein hatte ich mir das Sprunggelenk gebrochen. Eine knöcherne Schale hatte sich abgesplittert und wirkte auf der Röntgenaufnahme eigentümlich ästhetisch, wie das Skelett eines Wals.
Dass ein scheinbar banales Ereignis dazu taugt, den Alltagstrott gehörig auf den Kopf zu stellen, ist mir seither prominent ins Bewusstsein gerückt. Und auch, dass diese Lebenssituation die Chance birgt, das eigene Wahrnehmungsspektrum ’selbstbewusst‘ zu erweitern.
Für eine Wegstrecke von ca. 800 Metern benötige ich zum Beispiel ‚vorübergehend‘ so viel Zeit wie die Straßenmusikant_innen, die jeden Samstag durch die Straßen von Berlin-Moabit tingeln. Oder wie Andi, der Postbote, der en passant noch ein paar hundert Briefkästen befüllt. Oder wie mein Nachbarskind, das gerade laufen und rennen lernt.
Dank der Entschleunigung registriere ich mehr umweltbezogene Details als sonst: Die Stolperfallen an Baugerüsten erfasse ich ca. 1,5 Meter im Voraus. Zudem habe ich aktive Vermeidungsstrategien gegen Kopfsteinpflaster entwickelt und tagesaktuelle Eindrücke davon, wer – außer mir – die barrierefreien Berliner S- und U-Bahnhöfe zu schätzen weiß: Senior_innen, Radfahrer_innen, Eltern mit Kinderwagen, Tourist_innen mit Reisegepäck und Suchtkranke, die unter akutem Drogeneinfluss stehen, zum Beispiel.
‚Rennen‘ geht für mich z.Z. gar nicht – was mir die Einsicht aufzwingt, dass ‚zu rennen‘ meist ohnehin überflüssig ist, etwa beim Versuch, auf den letzten Drücker den Bus zu erwischen. In einer urbanen Gegend wie Berlin folgt der nächste Bus ‚wirklich‘ kurz danach, sodass der Zeitverlust de facto kaum zu Buche schlägt.
Vor allem habe ich jüngst gelernt, die Hilfe von Freund_innen, Kolleg_innen, Nachbar_innen und gänzlich unbekannten Menschen zu akzeptieren und annehmen zu können, statt – wie sonst – autark unterwegs bleiben zu wollen. Denn die meisten Menschen helfen tatsächlich gern – zumindest in meinem sozialen Umfeld – etwa, wenn es darum geht, im Supermarkt an die ‚Bückware‘ in den unteren Regalen heranzukommen. Oder darum, den Wocheneinkauf die Treppen hinauf zu tragen – z.Z. lässt mir die Gehhilfe nämlich nur einen Arm dafür frei.

Danke – thanks – merci – grazie – gracias

Über SATZBAUWERK - Jana V. Chantelau

In Berlin leite ich die Agentur SATZBAUWERK. Meine Schwerpunkte liegen in der Texterstellung, Kampagnen-Planung und Krisenkommunikation.

Eine Antwort »

  1. Die Zuzahlungen der ‚Patientin‘ betrugen bis dato:
    € 5 für zwei Unterarmgehhilfen,
    € 10 für die Schiene,
    € 10 für 10 Anti-Thrombose-Spritzen inkl. Desinfektionstücher.
    Die digitalisierten Röntgenaufnahmen ‚zum Verbleib‘ zu erhalten bleibt: unbezahlbar.
    DANKE für die Mitwirkung, Dr. med. Johannes Zeilinger – und DANKE an das Praxis-Team in Berlin-Moabit.

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