In dem französischen Spielfilm „Außer Atem“ (aus dem Jahr 1960, Buch und Regie: Jean-Luc Godard) fragt die Protagonistin Patricia Franchini (Jean Seberg, 1938 – 1979): „Hätte ich zu wählen zwischen Leiden und dem Nichts, ich entschiede mich für Leiden. Und Du? Und wofür würdest Du Dich entscheiden?“

Als ich mir am 18. April 2014 um ca.12:36 Uhr das obere Sprunggelenk gebrochen hatte und die Gelenkkapsel und das Außenband gerissen war, beschloss ich, nachmittags eine mehrstündige Arbeitssitzung wahrzunehmen – und zwar keineswegs, weil ich das Leiden besonders gut leiden mag, sondern weil die tunnelblickartige Konzentration auf die Arbeit dazu beisteuern konnte, den Schmerz ‚bewusst‘ außer Acht zu lassen. Und weil ich mich mit meiner Bewegungseinschränkung auseinandersetzen wollte, statt zuzulassen, dass sie mich von den arbeitsgemeinschaftlichen Aufgaben de facto entfernt.
Aus ähnlichen Gründen verzichtete ich vier Tage später auf die Krankschreibung und auf das Rezept für die Schmerzmittel. Stattdessen lernte ich, wie die Anti-Thrombose-Spritzen gesetzt werden und wie man sich auf die zwei bis drei Sekunden einstellt, in denen die gerinnungshemmende Wirkung des Medikaments eintritt. In meinem Fall löste sie nämlich ein beklemmendes, kippschwindel-ähnliches Ziehen im Kopf aus.
In solchen Momenten habe ich möglichst positive Bilder dagegen gehalten, indem ich mir zum Beispiel klassische Filmszenen vergegenwärtigte, etwa aus den U.S.-amerikanischen Screwball-Comedies „Eins, Zwei, Drei“ (aus dem Jahr 1961, Regie: Billy Wilder, 1906 -2002) und „Leoparden küsst man nicht“ (aus dem Jahr 1938, Regie: Howard Hawks, 1896 – 1977). Oder indem ich mir vor Augen geführt habe, wie die Schachtel mit den Anti-Thrombose-Spritzen tagein, tagaus leerer wurde. Schlechterdings habe ich von ‚Fall zu Fall‘ trainieren müssen, die Rückschritte zu akzeptieren, den einhergehenden Frust umzudeuten und meine Wutgefühle auf Distanz zu halten.
Dabei habe ich u.a. meine Auffassungsgabe für Situationskomik abgerufen und eingesetzt, zum Beispiel, als ein Jugendlicher das Stahlgewinde seines Skateboards auf die Bruchstelle meines Sprunggelenks fallen ließ, nachdem ihm seine Flamme ein spontanes Rendezvous angeboten hatte; oder als mich ein vormaliger Bundesliga-Trainer niedergerannt hatte, weil er bei einem Kongress dringend zur Herrentoilette sprinten musste, und dabei flugs noch murmelte, er würde ‚bloß Thomas suchen‘ (statt
– wie der Junge – ein Wort der Entschuldigung auf dem Fuße folgen zu lassen.)

Hiergegen ist mir die Fähigkeit zur sogenannten ‚Mentalisierung‘ zugute gekommen – also: die Kompetenz, den eigenen Bewusstseinszustand von den Bewusstseinszuständen anderer Personen zu unterscheiden.

Sie trägt zum Beispiel dazu bei, über die Selbstwahrnehmung zu reflektieren, innerlich flexibel zu bleiben und dementsprechend situationsgerecht reagieren zu können, auch wenn sich aufgrund der vorgenannten Vorfälle die Re­kon­va­les­zenz naturgemäß in die Länge zieht.
Den Fußbruch merkt man mir ohnhehin kaum mehr an – zumindest, seit ich in die Phase der physiotherapeutischen Wiederherstellung der Gelenkfunktion eingetreten bin, um die Bewegungsstörungen loszuwerden. Denn zur eigenständigen Alltagsbewältigung ist der sogenannte Lauf-Zyklus das motorische Muster, das der Mensch – gegenüber allen anderen Bewegungsabläufen – am häufigsten benötigt.
Statt mir Schonhaltungen anzugewöhnen, habe ich durch die Krankengymnastik u.a. gelernt, im mentalen Vorgriff in den Gelenkschmerz aktiv ‚hineinzulaufen‘. Dadurch kann ich das Schmerzbewusstsein ausblenden – wie Box-Sportler_innen, die den Körpertreffer ihres Gegenübers vorab antizipieren und u.a. deswegen auch zu nehmen wissen.
Außerdem habe ich ein Trampolin bestellt, weil mein Unfallarzt Dr. med. Johannes Zeilinger bei der Verlaufskontrolle meinte: „Fassen Sie Vertrauen in Ihren rechten Fuß, Frau Chantelau.“ Damit gehe ich gern d’accord, um dem Fußleiden keine Chance zu geben, mich aus der Angst vor dem nächsten Sturz doch noch einzuschüchtern.

 

Über SATZBAUWERK - Jana V. Chantelau

In Berlin leite ich die Agentur SATZBAUWERK. Meine Schwerpunkte liegen in der Texterstellung, Kampagnen-Planung und Krisenkommunikation.

Eine Antwort »

  1. Die Zuzahlung der ‘Patientin’ zur Physiotherapie betrug bislang: € 23,32

Kommentar zur Freigabe einsenden:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s