Liebe Blog-Leserschaft,

mit großer Freude veröffentliche ich den ersten Gast-Beitrag in
diesem Blog: Dr. phil. Isabelle Azoulay berichtet u.a. über die
Erfahrungswerte aus ihrer Praxis für Tabakentwöhnung in Berlin.

Jana Chantelau

Was gibt es Neues an der Tabakfront?

Zunächst ist bemerkenswert, dass auf dem jüngsten Kongress der Deutschen Gesellschaft für Suchtmedizin (im November 2013, in Berlin) der Tabakabhängigkeit richtig Raum und Forum eingeräumt wurde. Man gewann den Eindruck, dass die Sorge um die Tabakabhängigkeit endlich in der Landschaft der Prioritäten einen angemessenen Rang erhielt.

Die e-Zigarette wurde vorgestellt, eine Bestandsaufnahme mit all den Erscheinungen,
von denen wir noch nicht wissen können, was als relevant bleiben wird. Eines ist sicher, die e-Zigarette wird therapeutisch neue Herausforderungen schaffen. Große Vorsicht ist geboten, da alles viel zu jung ist und die Implikationen noch nicht ermessen werden können. Dennoch lässt sich sagen: Wir werden sie nicht empfehlen, weil ihr Inhalt undurchsichtig ist. Die Hersteller sind nicht in der Lage, eine transparente Inhaltsangabe vorzulegen.

Der Lungenarzt Dennis Nowak aus München geht mit allen erhältlichen e-Zigaretten ins Labor und nimmt sie unter die Lupe. Dabei kommt eine abendteuerliche Liste von Ingredienzen heraus, bis hin zu Viagra. Trotzdem müssen wir sagen, sie bleibt viel weniger schädlich als die Zigarette. Denn die Größenordnung der immerhin messbaren Schädlichkeit ist nicht vergleichbar mit der herkömmlichen Zigarette. Und dennoch werden wir keine Entwarnung aussprechen, heißt es auf dem Kongress. Zu Recht, denn die Tabakindustrie wird uns mit dieser Schiene noch vor unermessliche Aufgaben stellen.

An einer Front können wir etwas locker lassen, spielt Tobias Rüther (München) ein: In der Psychiatrie bleibt für ein bestimmtes Profil von Patienten, die einen gravierenden Konsum kennt, beim Abwägen zwischen Schadensbegrenzung und Lebensqualität die e-Zigarette eine Option.

Außerhalb der Psychiatrie, dort, wo ich Tabakentwöhnung praktiziere, muß ich feststellen, dass die e-Zigarette therapeutisch ungut ist. Sie sabotiert mir den sehr gut möglichen Weg zur vollen Abstinenz. Sie bei drum bettelnden Teilnehmern als vorübergehende Krücke zu berücksichtigen, hat sich als Fehler herausgestellt. Insofern muß ich therapeutisch deutlich davon abraten.

Dann wurde auf diesem Kongress eine oft wiederkehrende Kontroverse diskutiert: Der kontrollierte Zigarettenkonsum.

Kann der kontrollierte Konsum nicht als ernstzunehmender Einstieg in den Ausstieg angesehen werden? Wissenschaftlich wurde dem bisher nicht wirklich Rückhalt geschenkt, und doch zeigt Anil Batra (Tübingen), dass es eine Perspektive ist, die wir nicht links liegenlassen können. Der Ansatz findet großen Zuspuch, heißt es.
Als Tabakentwöhnungstherapeutin kann ich dem nur sehr bedingt zustimmen. Es ist, als würden wir die Patienten noch sanfter ansprechen, die Angst einflössende Devise „rauchfrei für immer“ vorerst verwässern, um mehr Vertrauen zu gewinnen. Das leuchtet zwar ein, aber letztendlich scheint es mir wie ein kleines Austricksen des Süchtigen. Ein „komm‘ nur her, wir gehen die Sache ganz langsam an“. Kein Wunder, dass wir damit Zuspruch ernten. Das absolutistische Schwert des kategorischen Rauchstopps verliert seine Autorität und erleichtert uns als Therapeuten gewiß die Öffnung bei Patienten für einen Plan der Entwöhnung.

Trotzdem kommt Anil Batra in seiner stetigen wunderbaren Vorsicht zu dem Fazit: Im Augenblick ist der Stand der Dinge so, dass es für den kontrollierten Tabakkonsum keine guten Belege gibt, auch wenn der Pragmatismus uns zu Schadensbegrenzung drängt.

Meine Erfahrung bezüglich reduzierten Tabakkonsums ist, dass in den Entwöhnungskursen mit dem definitiven Rauchstopp ansteuernden „Rauchfrei Programm“, bei Personen, die rückfällig wurden, später durchaus festgestellt werden konnte, dass die „Kur“ eines solchen Kurses bei vielen Kursteilnehmern grundsätzlich ein Davor und ein Danach verzeichnen läßt.

Das Bewußtsein über die intimen Implikationen, das Kennenlernen des eigenen Rauchmusters und das Abtasten der eigenen tückischen Gründe der Sucht bleibt nach einem Kurs kaum mehr verdrängbar, verändert den Konsum und das Verhältnis zum Konsum. Würde es solche Spuren bei diesen Personen hinterlassen, wenn man von vornherein den kontrollierten Konsum als Option eingeräumt hätte? Ich kann es nicht belegen, aber ich bezweifle es. Daher sind umso mehr Anil Batras Betrachtungen zum kontrollierten Konsum interessant.

Die Psychodynamik des Süchtigen ist und bleibt besonders listig. Und das Unterlaufen der Autorität eines postulierten gänzlichen Rauchstopps ist ein Faktor, bei dem man mit der Option eines kontrollierten Rauchstopps dieser List Raum gibt. Praktisch versucht man damit, die List zu zähmen. Aber das ist ein riskanter Pfad. Da flirtet gewissermaßen der Therapeut mit der List des Rauchers. Deshalb glaube ich, dass, wenn wir diese Option stehen ließen, der Raucher der Erfahrung von Abstinenz keine Stabilität verleihen kann. Mit dieser Option gräbt ihm das Unbewußte hintenherum das Wasser ab.

Gegenüber Hypnose und Akupunktur als Tabakentwöhnungsmethoden
bleibe ich nach wie vor zurückhaltend.

Ohne Zweifel bleibt die Devise überzeugend: „Wer heilt, hat Recht.“ Und bei Manchen mobilisiert der Glaube, gemischt mit dem Willen, in der Tat Kräfte, die zum Erfolg führen können. Zeitweilig. Meine Erfahrung ist, dass in Anbetracht der Angst vor Entzug für Viele der Weg zur Hypnose und Akupunktur als weitaus attraktiver erscheint, nach dem Motto „mach‘ mir den Entzug, ich hol´ mich nachher wieder ab“.

Ganz selten begegnen mir Personen, die einzig durch Hypnose oder Akupunktur vor langer Zeit gänzlich aufhören konnten. Diese Methoden beziehen den Raucher selbst nicht ein. Die Person lernt ihr Rauchmuster nicht kennen, lernt nicht, ihre Gewohnheiten und deren Sinn zu verstehen. Nämlich alles, was sich in unseren Gewohnheiten einnistet: Abwehr, wie zum Beispiel Milderung von Angst, einzig möglicher Weg für Abgrenzung, tägliche Notwendigkeit eines „Trostes“. Diese Aspekte können oft die condition sine qua non eines Gleichgewichts ausmachen. Da spüren wir als Therapeuten, warum das süchtige Moment so hartnäckig sein muß. Und erst, wenn man zum Verständnis dieser nicht selten unheimlichen Geländer der Psyche Zugang verschafft, kann der Raucher einen Ausweg mit alternativen Verhaltensweisen entwickeln.

Mit Hypnose oder Akupunktur lernt der Raucher wenig über sich kennen, und daher bleiben die alternativen Verhaltensmöglichkeiten zum Rauchen fragile Pfropfe, die beim nächsten Sturm durchlässig werden. Die sechs Sitzungen, mit denen ich arbeite, führen zu Etappen, bei denen gefühlte, gespürte, erlebbare Erfahrung gemacht werden. Sodass der Raucher genau weiß, woran er arbeitet und somit die Verantwortung, Herr seiner Selbst zu sein, tragen wird. Diese Erfahrung ist eine weitaus über den Rauchstopp hinaus das Selbst stärkende. Das ist die Zusatzbeute, die meine Kursteilnehmer reißen.

Der Boden für einen nachhaltigen Entzug scheint mir gegeben, wenn therapeutisch Angstabbau und Motivationsaufbau erarbeitet werden – und das Ermitteln des eigenen Rauchmusters. So nehmen die Raucher spürbar ihre Verantwortung in die Hand. Denn sie verstehen, was sie tun.

Liebe Grüße aus Berlin,
Dr. phil. Isabelle Azoulay
Soziologin – Tabakentwöhnerin

 

Gast-Beitrag von Dr. phil. Isabelle Azoulay: “Was gibt es Neues an der Tabakfront?”

Dr. phil. Isabelle Azoulay (links) im Gespräch

Anmerkungen von Jana Chantelau: Auf der Website von Dr. phil. Isabelle Azoulay sind Informationen zum Rauchfrei-Programm abrufbar: www.tabakentwoehnung-berlin.de

Die Rauchfrei-Kurse von Dr. phil. Isabelle Azoulay finden in den Bezirken Charlottenburg-Wilmersdorf, Berlin-Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg statt.

Über SATZBAUWERK - Jana V. Chantelau

In Berlin leite ich die Agentur SATZBAUWERK. Meine Schwerpunkte liegen in der Texterstellung, Kampagnen-Planung und Krisenkommunikation.

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