Unter dem Eindruck einer mehrmonatigen privaten Stressphase ist mein Rauchverhalten – für mich – zur Sucht geraten. Ich brauchte etwa zwei Jahre, um – für mich – zu erkennen, dass die Anspannung und der innere Druck lang vorbei gegangen waren, und die Zigarette  trotzdem noch zwischen den Mundwinkeln  ‚hängen‘ blieb.
Ich störte mich daran, weil mir zwischenzeitlich bewusst geworden war, dass sich meine Lebensumstände verändert hatten. Und parallel dazu auch mein Selbstbild. Trotzdem scheiterte ich bei den Versuchen, allein mithilfe von ratgebenden Büchern ’nicht zu rauchen.‘
Die Teilnahme an klinischen Studien zur Tabakentwöhnung blieb mir verschlossen, weil die psychologische und humanmedizinische Anamnese in meinem ‚Fall‘ eine hohe psychische Stabilität attestiert hatte – und eine körperliche Fitness, die über dem bundesdeutschen Durchschnitt zu liegen scheint.

Vor diesem Hintergrund überzeugte mich mein Hausarzt, einen Informationstermin mit der Rauchfrei-Trainerin von fast nebenan zu vereinbaren.
Als ich bei ihr anrief, entwöhnte sie gerade eine Gruppe von Raucher_innen, sodass ich die Bitte um Rückruf – mitsamt meiner Telefonnummer – auf ihren Anrufbeantworter sprach und in einem Anfall von Selbstsabotage sofort das Haus verließ… und zwar über eine Strecke von 5,6 Kilometern Luftlinie.
Die Rauchfrei-Trainerin rief mehrfach zurück, bis sie mich schließlich erreicht hatte. Danach war mir klar, dass ich vor der Wahl stand, einmalig die Kursgebühr von € 240,00 sofort zu zahlen, oder für den Rest meines Lebens jeden Tag € 5,10 auf den Tresen zu legen, um eine Schachtel Kippen in Rauch aufzulösen – als würde ich allein damit fertig werden. Ich fühlte mich zudem wie erleichtert, als ‚Abhängige‘ angesprochen zu werden. Dadurch dämmerte mir nämlich, dass die Schönfärberei vor mir selbst – und auch vor meinem sozialen Umfeld – möglicherweise ein Ende finden könnte.

Zwei Wochen nach dem Einstieg ins gruppengestützte Rauchfrei-Training
zogen die Zigaretten bereits spürbar weniger als sonst.
Zum Beispiel schlug meine Rauch-Technik zunehmend fehl, weil ich während des Inhalierens plötzlich lachen oder husten ‚musste‘, vielleicht, weil ich zum Heulen keine Tränen mehr erübrigen wollte und zum Zähneklappern keine mentale Energie frei blieb.
Durch die ‚falsche Handhabe‘ entstand ein Brennen in der Lunge – wie beim Konsum der allerersten Zigarette – sodass ich Zug um Zug zu realisieren begann, wie schwer es mir manchmal fällt, ‚etwas‘ sein zu lassen, das ich gar nicht tun will. Die Bereitschaft, dafür sogar noch Geld zu zahlen, erschien mir plötzlich weniger selbstverständlich als ‚gewohnt‘, sondern fast absurd.
Also reflektierte ich darüber, welche psychodynamischen Hinterhälte darin liegen, zur Komplizin der eigenen Sucht zu werden. Denn: Um zu rauchen, bedarf es gar keiner Gründe. Mir genügten dafür lediglich auslösende Momente, die sich verselbständigten, bis ich mir den Glauben machen konnte, ‚die anderen‘ würden mein selbstschädigendes Verhalten verschulden und damit – wie gnadenlos verdammt – im ‚Soll‘ meiner Gefühlsbilanz stehen.

Vor einer solchen Folie trug die Intervention der Rauchfrei-Trainerin dazu bei, die Mechanismen dieser Verschiebungen und Vertuschungen zu enttarnen.
Um mich auf mich selbst zurückzuwerfen, die Schattenseiten meiner Gewohnheiten in ein klares Licht zu setzen, die Absurdität des eigenen Habituses zu akzeptieren und sich erfolgreich davon zu distanzieren, bahnte mir auch der Erfahrungsaustausch mit den Mitpatient_innen den Weg.
Allerdings ist die Route zur Rauchfreiheit keineswegs kurz, oder gar: leicht. Ob man das Ziel überhaupt erreicht, steht schlussendlich offen, bis man stirbt. Denn ein Rückfall bleibt jederzeit möglich und gerät nachgerade zur Gefahr, wenn man aufhört, sich vor dem Verlangen nach einer Zigarette zu ängstigen, wenn man damit beginnt, das vormalige Rauchverhalten zu bagatellisieren – so, als ob nichts weiter dabei gewesen sei. Und wenn man verdrängt, dass der Suchtausstieg für mehr oder minder erwachsene Menschen kein Kinderspiel darstellt.

Die gute Nachricht ist: Es bewährt sich, die eigenen Verhaltensmuster
selbstkritisch zu beäugen, um die
darin enthaltenden Störfaktoren abzustellen.
Meine Krankenkasse hat zum Beispiel einen Kostenanteil von € 75,00 sehr bereitwillig übernommen. Auch sonst hat sich die Anstrengung der verhaltenstherapeutischen Gruppenarbeit – für mich – ausgezahlt. Sie wirft eine Rendite ab und gibt mir ein Mehr an Lebensqualität, das ich für unbezahlbar halte.

Über SATZBAUWERK - Jana V. Chantelau

In Berlin leite ich die Agentur SATZBAUWERK. Meine Schwerpunkte liegen in der Texterstellung, Kampagnen-Planung und Krisenkommunikation.

Kommentar zur Freigabe einsenden:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s