Neurobiologisch betrachtet strebt die Gattung ‚Mensch‘ einerseits nach sozialer Verträglichkeit. Und andererseits danach, die Umwelt auf das eigene Verhalten abzustimmen. Das gelingt zum Beispiel, indem die äußeren Strukturen nach den eigenen Vorstellungen gestaltet werden oder indem sich der Alltag an den bereits verinnerlichten Ritualen ausrichtet.

Anhand des Umgangs mit der objektspezifischen Wirklichkeit verflechten sich die emotionalen und rationalen Verständnisebenen – und damit formiert sich auch die ureigene Subjektivität. Sie bereitet den Boden für die künftigen Absichten, Handlungsmuster und Interaktionen einer Person. Und so gedeiht das Gut der eigenen Gedanken. Der österreichisch-britische Philosoph Ludwig Josef Johann Wittgenstein (1889 – 1951) beschreibt diese Universalbildung mit nur fünf Worten: „Ich bin meine eigene Welt.“

Nichtsdestotrotz hegen manche Menschen eine schiere Angst
vor der Wirkungsmacht ihrer Gedanken, sodass sie die Selbstflucht
antreten, statt aus ihrer subjektiven Wirklichkeit heraus mündig
zu bleiben.

Statt geistig eigenständig zu denken, nehmen sie die Selbstverzwergung billigend in Kauf. Statt für ihre persönliche Meinung einzutreten, schielen sie nach dem scheinbaren Mehrheitsbild, greifen zur gleichmachenden Sauce des Einvernehmens, imitieren die Vorstellungswelt anderer oder verlangen nach dem Prinzip der Allparteilichkeit, weil letztlich alles Ansichtssache sei bzw. – wie in Form eines Dauerzustands – im Auge des Betrachtenden liege.
Das Prinzip der Allparteilichkeit kommt – meiner Meinung nach – allerdings einem Aderlass an Eigenmotivation und Einfallsgabe gleich – u.a. weil die eigenen Standpunkte relativiert werden, weil die Spanne analytischer Maßstäbe verengt wird und dadurch auch der eigentliche Diskurs abflacht. Ich finde das schade, denn – aus meiner Sicht – bieten sowohl sachliche Differenzen als auch emotionale Dissonanzen allen Beteiligten die gleichberechtigte Chance, auf ihre ureigenen (Selbst-)betrachtungen aufmerksam zu machen und voneinander zu lernen.

Das Licht, das auf den jeweiligen Sachverhalt gesetzt wird, repräsentiert immerhin die ganzheitliche Subjektivität des Individuums und fördert in der Begegnung mit dem Gegenüber das Bewusstsein dafür, dass es meist gar keine Patentlösungen gibt – und keine Königswege.

Um sich den Wert der Streitbarkeit zu bewahren, kommt es – aus meiner Sicht – darauf an, die eigenen Prioritäten sortiert zu halten, die persönlichen Bezugspunkte zu klären und dadurch verständlicher als vorher für andere zu werden.
Denn Kritik zu üben stellt nicht das gesamte Dasein des Gegenübers in Zweifel, sondern bedeutet, einen Resonanzraum zwischen dem Selbst und dem anderen zulassen zu können. Damit geht ein gesundes Maß an Selbstbewusstsein einher – wie auch die Bereitschaft, sich mit einer abweichenden Art der Wahrnehmung auseinanderzusetzen, das Kontra gelegentlich ‚für sich‘ stehen zu lassen und die Fähigkeit zu zeigen, das Terrain der Deutungshoheit untereinander aufzuteilen.

Statt den Widerspruch zum Einklang umzuformen, nimmt man die Differenzen wahr wie einen Eigenwert. Statt auf den Widerhall direkt einzuwirken, akzeptiert man einfach mal, das jeder Mensch ungleich zum Nächsten bleibt, und zwar: von Geburt an und vermutlich zeitlebens, bis ins Grab hinein.

Über SATZBAUWERK - Jana V. Chantelau

In Berlin leite ich die Agentur SATZBAUWERK. Meine Schwerpunkte liegen in der Texterstellung, Kampagnen-Planung und Krisenkommunikation.

Kommentar zur Freigabe einsenden:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s