„Rette dich, das Leben ruft!“
von Boris Cyrulnik
Übersetzung von Hainer Kober
Ullstein Hardcover, 2013
304 Seiten, € 19,99

Bis dato ist dieses Buch die bedeutungsvollste Publikation, die ich im Blog empfehle. Denn dem französischen Neuropsychiater und Resilienz-Forscher Boris Cyrulnik gelingt die prägnante Fusion zwischen autobiografischer Auseinandersetzung, lebensphilosophischer Poesie und neuropsychologischer Schlussfolgerung. Die Themenstränge setzen einprägsame Schlaglichter darauf, wie die (Re-) Produktion und (Re-) Konstruktion von persönlichen Erinnerungen zustande kommt, wodurch ein solcher Verarbeitungsprozess geleitet werden kann und was – mit Zufallsglück – einen Menschen dazu befähigt, einschneidende Lebensereignisse zu bewältigen, statt von ihnen bewältigt zu werden.

 

„Gespräche über Gott und die Welt: Jeschajahu Leibowitz mit Michael Shashar“
von Jeschajahu Leibowitz und Michael Shashar
Übersetzung von M. Schmidt
Dvorah Verlag, 1990
313 Seiten, z.Z. vergriffen, in Antiquariaten sicherlich auffindbar

In sechs wortwitzig geführten Interviews aus den 1980er Jahren diskutiert der israelische Neurophysiologe, Philosoph und Vordenker der Peace Now Bewegung Jeschajahu Leibowitz (1903 – 1994) mit dem Politik-Berater, Journalisten und Schriftsteller Michael Shashar u.a. darüber, warum der Gottesglaube einer Person zwar die Person zu beschreiben vermag – aber nicht Gott selbst – und warum Gott mit der Geschichtsschreibung der Gattung Homo sapiens genauso wenig zu tun hat wie mit den wissenschaftlich verifizierbaren Naturgesetzen. Zudem ordnet Leibowitz die Bedeutung des Sechstagekriegs ein und begründet, warum nur zwei Staaten für zwei Völker einen dauerhaften Frieden für den Staat Israel und die Region Palästina schaffen werden.
Leibowitz führt seine Argumentation im gewohnt streitbaren Duktus ins Feld und akzentuiert seine Haltung mit unverblümt provokanten Metaphern. Allerdings begegnet er mit Shashar einem Gegenüber, das durch seine Geistesgegenwart – und auch mithilfe rhetorischer Fragetechnik – die Augenhöhe durchweg zu halten versteht.

 

„Geschichte des Todes“
von Philippe Ariès
Übersetzung von Unna Pfau und Hans-Horst Hensche
Deutscher Taschenbuch-Verlag (dtv), 12. Auflage 2009
848 Seiten, € 18,90

Der zeitlebens kontrovers diskutierte französische Kulturhistoriker Philippe Ariès (1914 – 1984) hat sein Renommee u.a. mit einer Reihe zeitkritischer Essays begründen können – und mit voluminösen Werken, die er geradezu serienweise veröffentlicht hat. Zum Beispiel erforschte er ‚Die Geschichte der Kindheit‘ und – im Schulterschluss mit Georges Duby (1919 – 1996) und Paul Veyne – auch ‚Die Geschichte des privaten Lebens‘. Ex aequo stellt die Abhandlung über den Umgang mit der menschlichen Sterblichkeit einen Parforceritt dar, der zwischen wissenschaftsskeptischer Historisierung und epochaler Hysterie changiert.
Um heimzuführen, wie der Tod eines Menschen mehr und mehr tabuisiert worden ist, spannt Ariès seinen Bogen nämlich von der Gesellschaftskritik des 20. Jahrhunderts bis hin zur Kultur des Mittelalters. Er zieht die zivilgeschichtlichen Wurzeln einer solchen Entwicklung u.a. daraus, dass die technologischen Fortschritte in der Gerätemedizin eine Würdigung von Privatsphäre und Intimität zunehmend unterbinden, dass die Präsenz körperlicher Fragilität eher die Scham anderer auslöst – und zwar: anstelle von Mitgefühl, Ohnmachtsempfinden und Akzeptanz. Und dass man unter dem Deckmantel vermeintlicher Diskretion allgemeinhin versäumt, eine_n Sterbende_n mit einem emotional entlastenden Geleit zu versehen – zumindest in den urbanen Regionen westlicher Wohlstandsländern.
Hiergegen tritt Ariès für das Ideal ein, bis zum letzten Lebenshauch ein mündiges und eigenverantwortliches Individuum zu bleiben – etwa, indem seitens nahestehender Personen keine Verschleierungen angestellt werden und indem die therapeutischen Behandler_innen selbst im Angesicht des Todes noch ihrer Aufklärungspflicht bewusst nachkommen.

 

„Das verlassene Kind“
von Dr. med. Daniel Dufour
Übersetzung von Susanne Engelhardt
mankau Verlag, 3. Auflage 2012
160 Seiten, € 14,95

Der Genfer Chirurg Dr. med. Daniel Dufour hat u.a. in sogenannten Entwicklungsländern gearbeitet, im Auftrag des Internationalen Roten Kreuzes ist er auch in Kriegsgebieten tätig gewesen. Vor diesem Hintergrund postuliert Dufour den Begriff der ‚Verlassenheit‘, um anhand einiger ‚Fall-Beispiele‘ die Folgen emotionaler Deprivation im Erwachsenenalter zu veranschaulichen. Zwar gerät ihm sein Hang zur Verallgemeinerung dabei in die Quere. Aber er zeigt durchaus auf, warum die Flucht ins eigene Innenleben im jungen Lebensalter noch eine geeignete Überlebensstrategie darstellt. Und welche Beweggründe im Nachgang formuliert werden können, um diese Verhaltensmuster wieder abzustreifen – etwa, um dem Gefühl sozialer Isolation zu entrinnen, um psychosomatischen Erkrankungen vorzubeugen und vor allem, um aus der eigenen Kraft heraus das persönliche Leben zu tragen und eigenständig weiterzuführen.

Über SATZBAUWERK - Jana V. Chantelau

In Berlin leite ich die Agentur SATZBAUWERK. Meine Schwerpunkte liegen in der Texterstellung, Kampagnen-Planung und Krisenkommunikation.

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