Unter der Prämisse, die zwischenmenschliche Gesprächsatmosphäre aktiv zu fördern, ermuntert die sogenannte ‚VW-Regel‘ den jeweils Sprechenden dazu, unterschwellige Vorwürfe (= ‚V‘) in artikulierte Wünsche (= ‚W‘) umzuformulieren.

Theoretisch gelingt das zum Beispiel, indem man aus der eigenen Ich-Perspektive heraus das Gegenüber ausdrücklich darum ‚bittet‘, ein konkretes Verhaltensmuster zu zeigen, zu ändern bzw. zu unterlassen. Oder indem man sich – wohlgemerkt: vom anderen – ‚wünscht‘, dass künftig ‚etwas‘ passiert, ausbleibt oder alltagskonform umgestaltet wird. Wenn diese Regel allerdings zur Regel aller würde, befände ich mich wahrscheinlich auf einem paradiesischem Ponyhof, stünde unter der Führung therapeutischer bzw. erzieherischer Berufsvertreter_innen und wäre von der Heilkraft eines Hauspferdes, Feldhasens, Delfins oder Blindenhunds umringt.
Denn aus meiner Sicht gilt: Sofern ein Vorwurf eindeutig zur Sprache gebracht wurde, können sich die Beteiligten daran reiben, zum Beispiel, um mithilfe des eigenen Urteils
– ggfs.: auch durch das Gegenurteil – eine interpersonelle Energie zu entwickeln, die die Kommunikationsdynamik konstruktiv voranträgt.

Zu den Kehrseiten der VW-Regel gehört nämlich
– aus meiner Sicht – dass…

  • …das soziale Alltagsleben kein Wunschkonzert ist und dass das Wunschdenken subtil zur Wirklichkeitsferne beisteuern kann – zum Beispiel, weil man aus einer Veränderungsoffenheit bereits eine Verbindlichkeit ableitet oder weil man aus dem Bewusstsein fernhält, dass die Artikulation von Vorsätzen noch längst keine Zielerfüllung abbildet;
  • …Vorwürfe mitunter berechtigt sind und zur kommunikativen Aufrichtigkeit dazugehören. In der Form des Vorwurfs belässt man die Verantwortung auch weitgehend bei der Person, die das als anstößig empfundene Verhalten an den Tag bringt.

Dass die VW-Regel dennoch nützliche Anregungen gibt, um voneinander abweichende Ansichten auszutauschen, liegt u.a. daran, dass sie u.a. dazu anhält…

  • …die Lösung eines Interessenkonflikts in der Gegenwart anzugehen, statt sich hinter abgeschlossene Vorgänge zu klemmen, sich zu vertagen o.ä. Vermeidungs- und Verdrängungsmechanismen zu entfalten. Als verinnerlichte Stoßrichtung gilt hiergegen, einen tragfähigen Kompromiss miteinander auszuhandeln und ihn in der unmittelbaren Zukunft wechselwirkend einzuhalten;
  • …zu konkretisieren, wer was als ’störend‘ erlebt – ggfs.: wann, wie oft, wie sehr und warum. Zudem kann man Hinweise zur Abhilfe geben, indem man zum Beispiel realistische Handlungsalternativen aufzeigt und dem Gegenüber klar ansagt, wo die persönliche Grenzziehung gerade gesetzt ist.

Zudem regt die VW-Regel dazu an, konsequent zu implizieren, dass die Kommunikationsebene stabil genug ist, um den Dialog fortzuführen.

Über SATZBAUWERK - Jana V. Chantelau

In Berlin leite ich die Agentur SATZBAUWERK. Meine Schwerpunkte liegen in der Texterstellung, Kampagnen-Planung und Krisenkommunikation.

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