Liebe Blog-Leserschaft,

mit großer Freude veröffentliche ich den dritten Gast-Beitrag in diesem Blog: Isabelle Azoulay wirft eine Lebensfrage auf, die ich dank ihres schützenden Geleits immerhin mir selbst beantwortet habe.
Auf Wunsch der Autorin habe ich innerhalb ihres Textes von jedweden Hervorhebungen und Verlinkungen abgesehen.

Jana Chantelau

 

Von der typischen Geste zur ganzen Freiheit…

Die typische Geste – von der Hand zum Mund – gehört zum Selbstbild des Rauchers. Diese Geste ist Teil der narzißtischen Inszenierung unserer Selbst. Und deshalb ist die Trennung von dieser Geste für manche eine große Herausforderung. Denn selbst wenn diese Geste – wie wir in den letzten Jahre lernen konnten – neurobiologisch gesteuert ist, die Psyche krallt sich mindestens so sehr daran wie die Rezeptoren an das Nikotin.

Diese Geste hat sich seit einem Jahrhundert zu einer Haltung destilliert, die so reiche wie vielschichtige Elemente birgt. Und somit ist diese Geste mit Signalen der Stärke für Frauen wie Männer legiert worden – frei, lasziv, unabhängig, frech, rebellisch… so voll ist der Katalog der Eigenschaften, die hineingeträumt wurden… in diese Geste.

Die ersten Anstrengungen der Tabakindustrie, auch ehrbare Frauen in der Werbung anzusprechen, zeigten diese mit Schreibmaschine… Die ehrbare Frau, die rauchte, hatte eine Arbeit. Sie war finanziell unabhängig. Ob Marlene Dietrich, Audrey Hepburn, Valie Export, Frida Kahlo, Romy Schneider oder Uma Thurman, schöne wie starke Frauen präsentierten sich mit Zigarette. Und nicht minder kulturelle Totems schafften Männern starke Identifikationsbilder: Sowohl der Naturbursche, der Rindern hinterher reitet, wie auch der eher freakige Kerl, der in der Wüste defekte Hängebrücken überwinden muß… Solche Bilder haben in die Geschlechterrollen Paradigmen eingeschweißt, die so hartnäckig sind wie die Mythen, die uns Roland Barthes vorführte. Und diese Mythen beflügeln im Unbewussten mit einer derartigen Wucht unser Selbstbild, daß die Rezeptoren sich ruhig zurücklehnen können… die Psyche knebelt den Raucher zuverlässig an den Stängel.

Mit anderen Worten, in der Tabakentwöhnung ist das kleinste Spiel, die Raucher über die ersten Tage zu bringen – und sie damit von der körperlichen Abhängigkeit zu befreien. Die große Herausforderung ist es, zu schaffen, daß die Raucher sich von dieser Geste trennen.

Die Hassliebe zu der Zigarette zieht sich durch zahlreiche Romane, die sich dem Verhängnis dieser Geste gestellt haben. Cristina Peri Rossi spricht in ihrem zauberhaftem Buch – „Die Zigarette. Leben mit einer verführerischen Geliebten “ – als sie die Trennung von der Geste zu dechiffrieren sucht, gar von einer Amputation.

Viele Raucher erleben sich selbst nach der Tabakentwöhnung wie von einer Selbstverständlichkeit amputiert. Phantomschmerzen wollen geheilt werden. Der Mensch läuft nicht selten Amok auf der Suche nach der neuen Rolle. Und staunt dann aber sehr, wenn wir das Ganze umdrehen und in Stärke umwandeln. In einem: „Ich will nicht mehr müssen“. Wenn es gelingt, diese Befreiung in die vertrauten Gefilde von Selbstbestimmung zu schieben, dann ist die Schlacht gewonnen.

Und dieser Weg ist möglich. Die Trennung von der Geste ist möglich. Und diese Erfahrung, die ich jede Woche in den Kursen beobachten kann, lässt ex-Raucher gut staunen – fast immer.

Daher kann ich aus rein therapeutischer Sicht die e-Zigarette als eine Sabotage betrachten. Sie lässt das Verhältnis zur Geste unverändert. Und somit bleibt mit dem Dampfen das Problem unverändert.

Warum sich eine neue Abhängigkeit schaffen, wenn die ganze Freiheit möglich ist?

Berlin, Dezember 2014 – Isabelle Azoulay


Anmerkungen von Jana Chantelau:

Die Rauchfrei-Kurse von Isabelle Azoulay finden in den Berliner Bezirken Charlottenburg-Wilmersdorf, Moabit und Friedrichshain-Kreuzberg statt.
Auf der Website von Isabelle Azoulay sind Informationen zum Rauchfrei-Programm jederzeit abrufbar.

Über SATZBAUWERK - Jana V. Chantelau

In Berlin leite ich die Agentur SATZBAUWERK. Meine Schwerpunkte liegen in der Texterstellung, Kampagnen-Planung und Krisenkommunikation.

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