Im Jahr 1604 initiierte König James I. von England und Irland (1566 – 1625) ein publizistisches Projekt, das nachfolgend sieben Jahre interdisziplinärer Gemeinschaftsarbeit erforderte – die dritte Übersetzung der Bibel aus den Ausgangssprachen Hebräisch, Aramäisch, Latein und Griechisch in die Zielsprache Englisch. Im royalen Auftrag sahen sich bis zu 54 rivalisierende Übersetzer vor die Aufgabe gestellt, die biblischen Texte von den bisherigen Wortdeutungen kirchlicher Instanzen zu befreien, die Hierarchie der Anglikanischen Kirche in ihre eigene Übersetzungsarbeit gleichwohl einzubetten und im Geiste der Reformation eine volksnahe Wiedergabe niederzuschreiben.

Als Oberhaupt der Anglikanischen Kirche wollte König James I. das Werk höchstselbst autorisieren, um durch diesen abschließenden Amtsakt über nichts weniger zu regieren als über die überlieferte Botschaft des monotheistischen Gottes. Zuvor hatte James I. nämlich noch als Jakob VI. von Schottland geherrscht und als Sohn von Maria Stuart eine wachsame Sensibilität dafür entwickelt, dass auseinanderstrebende Religionsauffassungen potenziell zu Bürgerkriegen führen können. Sein Augenmerk lag nunmehr darauf, durch die Vereinigung des Königreichs einem derartigen Verderben vorzubeugen und nichts Größeres als dauerhaften Frieden zu stiften, u.a. mithilfe einer geistlichen Konsensbildung. Denn: „Der Friede beginnt im eigenen Haus“, wie der
exis­tenzi­a­lis­tische Philosoph und deutsche Psychiater Karl Theodor Jaspers (1883 – 1969) später konstatierte.

Derweil war die ebenfalls englischsprachige sogenannte Geneva-Bible
(zu deutsch: „Genfer Bibel“) des calvinistischen Theologen ‪William
Whittingham‬ (1525 – 1579)
 aus dem Jahr 1560 fast im Begriff, zum
Standardwerk zu werden.

Neben ihrer obrigkeitlichen Subversionskraft enthielt sie puritanische Prägungen und zahlreiche Fauxpas in den sprachlichen Übertragungen. Zum Beispiel wurde der Akt der Taufe darin u.a. als „Waschung“ bezeichnet und schlimmstenfalls als „Stoß ins Wasser“ umschrieben. Auch aus solchen Gründen sah König James I. allerlei sakrale und weltliche Bedeutung darin, innerhalb des angelsächsischen Sprachraums die populistische Erfolgsstrecke dieser zweiten englischen Bibelübersetzung auf vermittelnd-aufklärerischem Niveau zu durchkreuzen. Also organisierte er die royalistischen Loyalitäten verschiedener Gesellschaftsschichten zu einem einzigen Arbeitskollektiv und forcierte die dritte englischsprachige Bibelfassung, indem er vorab ein paar pragmatische Schachzüge ausklügelte.

Denn unglücklicherweise überschritt die Vorfinanzierung der Produktionskosten den monetären Spielraum des Monarchen. Er trat deshalb die Lizenzrechte für den Druck an den Londoner Drucker Robert Barker (ca. 1570 – 1645) ab – freilich ohne zu bedenken, wie tief Barkers Druckerei bereits in der Kreide roter Zahlen stand.

Ob des schnöden Mammons kam Barker nicht umhin, seine direkten Konkurrenten Martin Lucas (Lebensdaten unbekannt) und Bonham Norton (ca. 1565 – 1635) maßgeblich am Mammut-Projekt zu beteiligen. Allerdings überwarf er sich mit ihnen bald darauf und provozierte auf dem Fuße folgend eine Serie von Kardinalfehlern. Als die Zwietracht zur Niedertracht eskalierte, sabotierten seine vormaligen Geschäftspartner nämlich das gesamte Vorhaben.
Zu diesem frevelhaften Zweck machten sie sich das wirkmächtige Handwerkszeug ihrer Zunft zunutze: Beim Druck der Zehn Gebote (Exodus, 20:14) unterschlugen sie ein einziges Mal das Wort „nicht“ – gleichwohl ausgerechnet in Bezug auf den Ehebruch. Aus der Ermahnung Thou shalt not commit adultery (zu deutsch: „Du sollst nicht die Ehe brechen“) wurde kurzerhand die Aufforderung Thou shalt commit adultery (zu deutsch: „Du sollst die Ehe brechen“). Einige Absätze danach verknappte man God’s greatnesse (zu deutsch: „Gottes Größe“) zu his great asse (Deuteronomium/ fünftes Buch Mose, 5,24; zu deutsch sowohl: „sein großer Arsch“ als auch: „sein großartiger Esel“), wohlmöglich aus allzu menschlichem Verdruss heraus.

Anno 1611 erfolgte der Rückruf zu spät, um die Auslieferung dieser Erstveröffentlichung in toto zu unterbinden. Im Volksmund verkam die King-James-Version (KJV bzw.: „King-James-Bibel“, KJB bzw. „Authorized Version“, AV) zur Sinners‘ Bible („Sündenbibel“) bzw. zur Wicked Bible („Verhexten Bibel“).

Statt den gewinnträchtigsten Handel seines Lebens zu besiegeln, brachte das publizistische Fiasko den Firmeninhaber Barker – buchstäblich: bis zum Sargnagel – hinter die Gitterstäbe des englischen Schuldgefängnisses. Weite Teile der Erstauflage wurden in die Feuerflammen der anglikanischen Geisteshüter geworfen. Andere wurden im wörtlichen Sinn zerrissen und als schützendes Verpackungsmaterial fremdverwertet, um beispielsweise die heimischen Heilmittel der Klöster u.a. Wirtschaftswaren in die imperialen Kolonien zu versenden – ein Pragmatismus getreu des missionarischen Appells: Preach the word; be instant in season, out of season. (2 Timotheus 4,2; zu deutsch: „Predige das Wort, halte an, es sei zu rechter Zeit oder zur Unzeit.“) De facto verbreitete sich der Fehldruck dadurch in alle Herren Länder.
Die bis dato erhaltenen Exemplare weisen an den bekrittelten Textstellen häufig große Tintenklekse auf und stehen bei bibliophilen Auktionshäusern weltweit hoch im Kurs, obwohl die Angebotsdichte kurioserweise niemals abzuebben scheint.
Darüber hinaus bleibt festzuhalten, dass es im Druckgewerbe der Renaissance durchaus Usus war, sowohl Buchstaben als auch Wort- und Satzteile aus dem Schriftsatz herauszustreichen bzw. zu ergänzen. Die Entfrachtung bzw. Auffüllung einzelner Zeilen diente üblicherweise dazu, eine insgesamt augenfreundliche Textgestaltung zuwege zu bringen. Zudem gab es noch keine verbindlichen Rechtschreibregeln, geschweige denn: eine einheitliche Grammatik und Interpunktion.

Davon abgesehen, wies die King-James-Bible auch zufallsglückliche Vorzüge auf. Denn trotz – oder: gerade wegen – des sprachlichen Ungeschicks des Übersetzer-Stabs bahnte sich eine anachronistische Wortführung durch ihr epochales Machwerk.

So kamen markante Redewendungen zustande, die sich zum Vorlesen eigneten wie Prosa, zum Beispiel: God save the King (1 Sam 10,24; zu deutsch: „Gott schütze den König“) und God forbid! (Römer 3,4; zu deutsch: „Gott bewahre!“). Während der Königstitel zukunftsfroh in durchweg positive Metaphern gesetzt wurde – wie etwa: sun (zu deutsch: „Sonne“) – erfuhr der Schwangerschaftszustand von Elisabeth erstmals eine präzise, wenngleich doppeldeutige Beschreibung, nämlich als full time (Lukas, 1,56; zu deutsch: „Vollzeit“ bzw. körperspezifisch betrachtet: „volle Zeit“).
In Bezug auf die jeweils staatstragenden Regentschaften hatten die vorherigen Bibelausgaben englischer Sprache noch überwiegend düstere Sprachbilder heraufbeschworen, wie etwa: tyrant (zu deutsch: „Tyrann“). Oder ein ganzes Volk auf die Bagatelle einer Kongregation degradiert.
Zahlreiche Begriffe entzogen sich allerdings auch der Übersetzungskunst des Führungsstabs von König James I. Sie blieben deshalb in ihrer Ausgangssprache fortbestehen und konnten über ihren fremdländischen Klang eine enigmatische Suggestionskraft entfalten. Der umfassende Gebrauch von Fremdwörtern schien u.a. die spätere Ausdrucksweise der Psychoanalyse vorzuahnen. Denn:

“Es gibt Menschen, die Worte nur benutzen, um ihre Gedanken zu verstecken.”
„Ils n’emploient les paroles que pour deguiser leurs pensées.“
„There are some that only employ words for disguising their thoughts.“
 Voltaire (1694 – 1778), u.a. in: „Dialoge XIV“ 

Über SATZBAUWERK - Jana V. Chantelau

In Berlin leite ich die Agentur SATZBAUWERK. Meine Schwerpunkte liegen in der Texterstellung, Kampagnen-Planung und Krisenkommunikation.

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