Jakob Maria Mierscheid (SPD) gilt als dienstältester Abgeordneter des Deutschen Bundestags. Allerdings hat er dem amtierenden Alterspräsidenten Prof. Heinz Riesenhuber (CDU) am 22. Oktober 2013 – beileibe – nicht nehmen können, die Konstituierende Sitzung des 18. Bundestags statutarisch zu leiten.

Denn in Ermangelung eines eigenen Körpers liegt Mierscheids Wirkmacht gerade darin, seine persönliche Absenz so zu nutzen, dass im Auge der Öffentlichkeit eine profilierte Präsenz allein daraus erwächst, getreu des Mottos von Audrey Hepburn (1929 – 1993): „Wenn man im Mittelpunkt einer Party stehen will, darf man nicht hingehen.“
Vor einer solchen Folie zeigt sich Mierscheids Phänomenologie seit dem Jahr 1979 u.a. in stakkato-ähnlichen Verlautbarungen, die – notgedrungen – von Ghostwritern wie Peter Würtz (SPD) und Friedrich Wollner abgefasst werden.
Dazu gehört zum Beispiel der metaphorische Ausspruch: „Gesellschaft alt, Jugend gut, Regierung schlecht, Zukunft offen, Glück auf!“ Denn: Sofern es die Wirklichkeit gibt, gibt es Mierscheid gar nicht wirklich. Er benötigt  – unbedingt  – die Bedingungen der kollektiven Fantasie, um sich real zu manifestieren…

Dass seine geistigen Ur-Väter Würtz (SPD), Dietrich Sperling (SPD) und Karl Haehser (SPD, 1928 – 2012) vormals selbst eine Mitgliedschaft im deutschen Bundestag (MdB) innehatten, nährt – fürwahr – Mierscheids Authentizität.

Die außerdienstlichen Parlamentarier haben in der Zwischenzeit sogar fragmentarische Teile ihrer eigenen Identität auf den fiktiven Kollegen übertragen. Zum Beispiel basiert das Geburtsdatum von Mierscheid – 01. März 1933 – auf der Vita von Sperling. Der zweite Vorname – Maria – ist mit dem zweiten Vornamen von Würtz augenfällig deckungsgleich. Der erste Vorname – Jakob – entspringt allerdings der puren Erfindungsgabe von Haehser, wie auch der Nachname Mierscheid selbst. Zudem haben sich dessen weitere Eckdaten aus der Schnittmenge narrativer Bezugspunkte während der jüngsten 40 Jahre eigendynamisch ergeben.
Jedenfalls lanciert die Berliner Gerüchteküche zeitübergreifend und ohne jedwede Quellenangabe, dass Mierscheid verwitwet sei. Und vierfacher Vater. Und gelernter Schneider. Und Gewerkschaftsangehöriger von Landwirtschaft und Forsten. Und Mitglied in diversen Vereinen, zum Beispiel für Kleinzucht, Turnen und Gesang. Seine besonderen Interessen gelten – angeblich – der geringelten Haubentaube Mitteleuropas, der sogenannten Schwabenproblematik im Prenzlauer Berg und den allgemeinen Fragen der Berufsausbildung.
Im Jahr 1979 konnte Mierscheid eine bürgerschaftliche, wenngleich zweifelhafte Gelegenheit ergreifen und  – scheinbar – ohne einen vorherigen Urnengang in den Politzirkus des deutschen Bundestags nachrücken.

Um als Hommage auf den damals just verstorbenen Bundestagsvizepräsidenten Prof. Carlo Schmid (SPD, 1896 – 1979) geradezustehen, ist dieser Schritt regelrecht an Mierscheid herangetragen worden.

Schließlich führt nicht nur der bayrische Ministerpräsident und CSU-Vorsitzende Horst Seehofer die Auffassung, dass der Satz gilt: „Ein Amt muss zur Persönlichkeit kommen, nicht eine Persönlichkeit zum Amt.“ Darüber hinaus ist Mierscheid implizit darum ersucht worden, ein Gegengewicht zur allgegenwärtigen Politikverdrossenheit zu setzen. Wie hartnäckig behauptet wird, vertritt er seither die Gemeinde Morsbach aus dem Mittelgebirge des Hunsrücks.
Statt jedoch einen konglutinierten Fall dissoziativer Identitätsstörung (DIS) zwischen den Bundesländern Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz abzubilden, verinnerlicht Mierscheid vielmehr die Raison eines Hinterbänklers, bleibt also konsequent wortkarg, gibt kein persönliches Konterfrei je freiwillig preis… und personifiziert wohlmöglich gerade deswegen eine virtuelle Einflussgröße. Immerhin folgen ihm derzeit knapp 7.000 Menschen beim Kurznachrichtendienst Twitter. Und in dubio pro reo gilt für die Fasson der Satire allemal:

„Wer sich an das Absurde gewöhnt hat,
findet sich in unserer Zeit gut zurecht.“
Eugène Ionesco (1909 – 1994)

Über SATZBAUWERK - Jana V. Chantelau

In Berlin leite ich die Agentur SATZBAUWERK. Meine Schwerpunkte liegen in der Texterstellung, Kampagnen-Planung und Krisenkommunikation.

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