Seit dem Jahr 2005 bezieht sich der sogenannte „Streisand-Effekt“ auf den Umgang mit publizierten Online-Inhalten, um zu beschreiben, dass im Rahmen der medialen Internetnutzung oftmals der Versuch genügt, Informationen zu unterdrücken, damit die entgegengesetzte Wirkung eintreten kann – und im Regelfall de facto eintreten wird.

Denn im virtuellen Raum multipliziert sich die öffentliche Aufmerksamkeit u.a. durch das aktive Anstreben repressiver Kontrolle – ein Phänomen, das einer psychologischen Abwehrreaktion nahe kommt: der sogenannten „Reaktanz“.
Wer demnach darauf aus ist, online publizierte Inhalte umgehend tilgen zu lassen, hat widersetzliche Gegenmaßnahmen zu erwarten, zum Beispiel in Form von politisch motivierten Whistleblowings und Blowbacks, in der reputationsgefährdenden Form von Shitstorms oder in der humorvollen – zuweilen: hämischen – Form der Satire.
Wie in der Wechselbeziehung zwischen Druck und Gegendruck ist auch diesen Erscheinungsbildern zu eigen, dass sie das Prinzip der sogenannten „Spiegelung“ besonders offensiv anwenden: Die umstrittenen Inhalte werden kopiert, ggfs. kommentiert und über die individuell verfügbaren Online-Kanäle weitergegeben. Dadurch kommt eine Streuung zustande, in deren Verlauf sich sogar der ursprüngliche Inhalt verselbständigen kann, etwa durch markante Auslassungen oder durch konfabulierte Ergänzungen – wie beim Kinderspiel „Stille Post“ (bzw. „Flüsterpost“).

Dem Ursprung nach geht der Begriff „Streisand-Effekt“ auf einen Rechtsstreit zurück, der im Jahr 2003 von der US-amerikanischen Entertainerin Barbra Streisand mit einem Klagewert von 50 Millionen Dollar – erfolglos – ins Feld geführt wurde.

Ihr beabsichtigtes Ziel bestand darin, juristisch unterbinden zu lassen, dass das wissenschaftszentrierte und fotodokumentarisch ausgerichtete ‪California Coastal Records Project (USA) eine Luftaufnahme des U.S.-amerikanischen Fotografen Kenneth Adelmann – „image 3850“ – auf der Website des Projekts aufrechterhält und als Download allgemein verfügbar macht.
Neben Adelmanns fotografischer Ermessung der kalifornischen Küstenerosion erfasst die umstrittene Abbildung u.a. die Strandvilla von Barbra Streisand – mit einem Anteil von ca. drei Prozent in Relation zum gesamten Bildinhalt. Darin machte die Klägerin eine unzulässige Verletzung ihrer Persönlichkeitsrechte aus, statt als Alternative dazu zum Beispiel den Ausspruch von Sir Winston Leonard Spencer-Churchill (1874 – 1965) zu beherzigen: „Ein wahrer Diplomat ist ein Mann, der zweimal nachdenkt, bevor er nichts sagt.“

Dass ausgerechnet die eigene Klageschrift die Zusammenhänge zwischen der Person, dem Gebäude und der Bilddatei erstmals öffentlich darstellen würde, ließen sowohl Streisand als auch ihr Anwalt John Gatti nahezu sträflich außer Acht.

So wurde vor der Eröffnung des Gerichtsverfahrens das angefochtene „image 3850“ lediglich sechsmal von den Internetnutzer_innen heruntergeladen – und zu diesem Kreis gehörten nachweislich zwei Personen aus Gattis Anwaltskanzlei. Im Monat danach schnellte die Statistik exponentiell hoch, und zwar auf eine Gesamtzahl von über 420.000 Downloads.
Erschwerend kam hinzu, dass das California Coastal Records Project u.a. vom US-amerikanischen Wirtschaftsredakteur und Entrepreneur Michael Masnick maßgeblich mitgetragen wurde. In seinem nachrichtenbasierten Blog Techdirt gelang es Masnick, den Ausdruck „Streisand-Effekt“ folglich so weit zu begründen, dass sich dieser Begriff zielgruppendynamisch manifestieren konnte – und sich nachgerade international etabliert hatte.

De facto bieten Online-Plattformen aus sich selbst heraus den Zugang zu Menschen, die ein ähnliches Themeninteresse zeigen, wie man selbst. Zudem geben sie oft ein substantielles Feedback und tragen die Diskurse proaktiv voran.

Zum Beispiel betreibt die internationale Nichtregierungsorganisation (NGO) Reporter ohne Grenzen (ROG) seit dem Jahr 2012 eine Website, die speziell darauf ausgerichtet ist, die redaktionelle Prüfung heikler Informationen zu ermöglichen, im Anschluss daran die verifizierten Inhalte – quasi stellvertetend – kopierbar zu machen und leichthändig in den selbstbewegten Umlauf zu bringen: http://wefightcensorship.org/ Denn:

„Gefahren warten nur auf jene,
die nicht auf das Leben reagieren.“

– Michail ‪Sergejewitsch‬ Gorbatschow 

Über SATZBAUWERK - Jana V. Chantelau

In Berlin leite ich die Agentur SATZBAUWERK. Meine Schwerpunkte liegen in der Texterstellung, Kampagnen-Planung und Krisenkommunikation.

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