Im biologischen Lebensalter von ca. 42 Jahren und 52 Stunden brauche ich durchschnittlich 52.000 Schritte, um eine Distanz von 42 Kilometern zu Fuß zurückzulegen. Am 27. September 2015 will ich diese Strecke en bloc laufen – und beim 42. Berlin-Marathon möglichst dynamisch die Zielgerade passieren.

Damit sich mein Herz-Kreislauf-System, meine Muskulatur, meine Bänder und Knochen an die sportliche Selbstentwicklung gewöhnen, trainiere ich seit einem halben Jahr drei- bis viermal pro Woche im Freien. Neben dem Plus an Frischluft und Tageslicht gibt mir die Simulation realer Bedingungen vor allem ein Füllhorn empirischer Lernerfahrungen. Sie zeigen mir u.a. auf, wann ich einen Lauf tendenziell eher abbreche als zu Ende bringe – etwa bei Bänderdehnungen, Muskelzerrungen oder sturzbedingten Stauchungen. Und wie ich taktisch über die Strecke kommen werde – etwa bei wechselhaften Wind- und Wetterverhältnissen. Oder in Anbetracht der veränderlichen Bodenbedingungen.

Denn die Schäden des Berliner Asphalts sind zuweilen durchaus tückisch, und das gleiche gilt für die Stolperfallen, die beispielsweise Gottfried, der Terrier meines Nachbarn, minutenschnell in den gefestigten Waldboden eingraben kann.
Die Folge der haustierischen Jagd nach mäuseartigen Kleinnagern ist u.a., dass sich von einer Joggingrunde zur nächsten zum Teil kappen-große Erd- und Schlaglöcher auftun, die sich davor noch gar nicht in meiner antizipatorischen Wahrnehmung abgebildet hatten. Zudem werden manche Vierbeiner an langen, schmalen Leinen geführt, die visuell nur schwer erfassbar sind – nicht allein während eines pflichtprogrammatischen Tempolaufs. Und im Stadtgarten verschränken dicke Äste mitunter den Weg zu leichtfüßigen Sprinteinlagen.

Im Gegensatz dazu gehört zu den auch von mir selbst verantworteten neuralgischen Punkten, dass sich die Mentalität von Jogger_innen in der Regel mehr und mehr nach innen kehrt, je länger ein Lauf gerade andauert.
Zum Beispiel gerate ich gelegentlich in eine Phase des intrinsischen ‚Entäußerns‘: Im letzten Drittel der Strecke werde ich dann zunehmend wortkarg, kurz vor dem Runner’s High werfe ich mich physisch wie psychisch auf mich selbst zurück und vertraue glattweg der automatisierten Bewegungsmotorik – wie in einer Illusionswelt rauschhafter Entkörperlichung, bis mich letztlich nichts weiter bewegt als das Abenteuer des Marathonlaufs selbst. Denn:

„Wenn du laufen willst, lauf‘ eine Meile. Aber wenn du
ein neues Leben erfahren willst, lauf‘ einen Marathon.“
„If you want to run, run a mile. But if you want to
experience another life, run a marathon“
– Emil Zátopek (1922 – 2000) – 

Über SATZBAUWERK - Jana V. Chantelau

In Berlin leite ich die Agentur SATZBAUWERK. Meine Schwerpunkte liegen in der Texterstellung, Kampagnen-Planung und Krisenkommunikation.

»

  1. Alexander sagt:

    „Im letzten Drittel der Strecke werde ich dann zunehmend wortkarg, kurz vor dem Runner’s High werfe ich mich physisch wie psychisch auf mich selbst zurück und vertraue glattweg der automatisierten Bewegungsmotorik…“

    Sehr interessant 😉 Bezüglich Wohlbefinden und Glücksgefühl(en) stimme ich Dir absolut zu. Das habe ich an mir auch schon beobachtet. Der Automatismus des „Rausches“ ist mir auch nicht gänzlich unbekannt. Aber eine intrinsische „Ich-Bezogenheit“ fiel mir – selbst bei langen Alleinläufen – bislang nicht auf. Vielleicht, weil ich auf meiner Laufstrecke immer wieder von Touris und deren vierbeinigen Freunden („Der tut nix!“ … „Huch, das hat er ja noch nie gemacht.“) aus meinen Gedanken gerissen werde, bevor ich diesen Zustand erreiche.

    • Hallo Alexander,
      solche Intermezzi würden meine innere Gedankenkette auch abreißen lassen… Ich laufe auf einer Grünflächen-Anlage in Berlin-Moabit und wurde bislang bloß ein einziges Mal von einem wachen Terriermischling gestoppt: Der Vierbeiner lief an der langen Leine in paar Freudenkreise um mich herum, sodass ich beintechnisch eine Minute lang de facto bewegungseingeschränkt war.
      Für Tourist_innen und andere Menschen bin ich evtl. im Lauftempo bereits zu schnell geworden – und davor hatte niemand gewagt, mich zu stoppen.
      Herzliche Grüße,
      Jana Chantelau

Kommentar zur Freigabe einsenden:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s