Liebe Blog-Leserschaft,

mit großer Freude veröffentliche ich den ersten Gast-Beitrag von Dr. Sandra Maxeiner in diesem Blog. Sandra arbeitet in beruflichen Aufgabenfeldern verschiedenen Art, bringt sich auf ehrenamtlicher Basis u.a. als Hospizhelferin ein und hat zu Beginn des Jahres 2015 offene Fragen an Silvia Zesch von der Krisenintervention des Arbeiter-Samariter-Bunds (ASB) gerichtet, um u.a. aufzuzeigen, was freiwillige Helfer_innen zur Menschenrettung beitragen können.
Aus meiner Sicht verdeutlicht zum Beispiel auch das heftige Erdbeben in Nepal, dass dieses Thema tagein, tagaus eine hohe Bedeutungstiefe behält – an allen Orten der Welt.

Jana Chantelau


Stille Helden: Die Krisenintervention leistet Erste Hilfe für die Seele

Stille Helden: Anfang des Jahres habe ich die Leiterin der Krisenintervention vom Arbeiter-Samariter-Bund (ASB), Berlin interviewt, jetzt betreuen Mitarbeiter der Krisenintervention vom ASB, München, Angehörige und Freunde der Opfer des Flugzeugabsturzes in Südfrankreich.

Wenn Sie schon immer wissen wollten, wie die Mitarbeiter der Krisenintervention arbeiten und wie sie Angehörigen und Freunden helfen, die geliebte Menschen verloren haben, dann lesen Sie dieses spannende und bewegende Interview.

Januar 2015. Heute spreche ich mit der Leiterin der Krisenintervention des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) in Berlin, der 59-jährigen Silvia Zesch. Im Hauptberuf ist sie Lehrerin für Geografie und Mathematik. Als ich ihr gestehe, dass Mathematik für mich als Schülerin ein absoluter Albtraum war, schmunzelt sie und sagt, dass ihr das nur all zu bekannt vorkommt.
Silvia liebt ihren Beruf, und das, obwohl es jeden Tag laut ist in der Schule, immer gibt es viel Lärm und häufig auch Stress, so erzählt sie. Deshalb hat sie in ihrer Freizeit nach einem Ausgleich gesucht und viel mehr als nur das gefunden. Etwas, wofür sie brennt, ihre wahre Bestimmung, ihre Leidenschaft: Silvia Zesch hilft Menschen in der ersten Zeit nach traumatischen Ereignissen.

Sie steht Menschen in einem der schwierigsten Lebensabschnitte bei, nämlich dann, wenn geliebte Angehörige durch einen Unfall aus dem Leben gerissen wurden, sie unterstützt Eltern nach dem plötzlichen Tod eines Kindes oder hilft Einsatzkräften, die bei einer versuchten Reanimation einen Patienten verloren haben.
Silvia Zesch ist eine kraftvolle, zupackende Frau, die es genießt gebraucht zu werden. Eigentlich, so sagen Kollegen über sie, müssten ihre Tage 26 Stunden haben – so intensiv und vollgepackt wie sie sind. Silvia Zesch ist immer dann da, wenn sie gebraucht und gerufen wird. Über 40 Jahre rettet sie nun schon Leben – zunächst beim Wasserrettungsdienst, und heute leistet sie Erste Hilfe für die Seele. Eine große Unterstützung und Kraftquelle ist dabei ihre eigene Familie: Silvia ist verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder und drei Enkelkinder, wie sie stolz erzählt.

Maxeiner: Wie lange arbeiten Sie schon als Leiterin des Kriseninterventionsteams?
Zesch: Vor 16 Jahren habe ich beim ASB den ersten Lehrgang zur Krisenintervention besucht und bin seitdem Mitglied des Kriseninterventionsteams. Seit zwölf Jahren leite ich das Team.

Maxeiner: Wie kann man sich Ihre Hilfe vor Ort genau vorstellen?
Zesch: Unsere Hilfe beginnt mit der Alarmierung. In ganz Berlin sind wir mit etwa 120 Notfallseelsorgern und Kriseninterventen vertreten. Unsere Gruppe ist mit etwa zehn Leuten ganz klein. Der wichtigste Unterschied zu anderen Hilfsorganisation ist, dass wir unsere Arbeit ehrenamtlich und konfessionsfrei leisten. Alarmiert werden wir über die Feuerwehr.

Maxeiner: Was passiert nachdem Sie angerufen bzw. alarmiert wurden?
Zesch: Wir bekommen meist ein Stichwort worum es geht, beispielsweise plötzlicher Kindstod, Tod in der Familie oder das Überbringen einer Todesnachricht. Wenn wir eine Todesnachricht überbringen, fahren wir mit der Polizei gemeinsam zu den Angehörigen, überbringen die Nachricht und bleiben in den ersten Stunden bei den Hinterbliebenen. Wir sind diejenigen, die Zeit mitbringen, zuhören, die Situation einschätzen können und wir versuchen, auf drängende Fragen eine Antwort zu geben. In der Regel bleiben wir etwa zwei Stunden im Einsatz, bis wir die Angehörigen soweit beruhigt haben und sie im familiären oder Freundeskreis so gut aufgehoben sind, dass wir uns verabschieden können.
Wir sind da, um die erste Zeit zu überbrücken und sie aus dem Trauma – zumindest ein Stück weit – herauszuholen. Denn alle anderen, die involviert sind, sind meist hektisch und haben keine Zeit. Die Polizei hat keine Zeit, sie überbringen die Nachricht und fahren zum nächsten Einsatz, später kommt dann beim Tod in der Familie meist auch noch die Kriminalpolizei. Es gibt viele viele Fragen zu klären, vieles zu besprechen. Wir erklären den Hinterbliebenen dann, warum und weshalb das alles passiert und helfen ihnen auch mit Abschiedszeremonien, wenn sie dies wünschen.
Wir organisieren meist etwas Nichtkonfessionelles, aber wenn es gewünscht wird, beten wir auch mit ihnen. Wir haben immer entsprechende Unterlagen dabei, sodass wir zumindest Gebete lesen können, auch wenn wir nicht katholisch oder evangelisch sind. Es ist uns auch schon einige Male passiert, dass Hinterbliebene uns gesagt haben „Ich will aber hier keinen Pfarrer sehen.“ Dann ist es gut, wenn wir sagen können „Nein, das sind wir nicht, aber wir können zuhören und ihnen in den ersten schweren Stunden beistehen“.
Manchmal muss man auch schweigen können. Dann sitzen wir unter Umständen eine halbe Stunde mit den Menschen im Wohnzimmer und sie sagen nichts. Das ist manchmal noch schlimmer auszuhalten als zu reden.

Maxeiner: Sind Sie ausschließlich mit dem Organisieren von Einsätzen beschäftigt oder fahren Sie noch mit raus?
Zesch: Ja, wenn ich Zeit habe, fahre ich auch mit raus.

Maxeiner: Wie sah Ihr letzter Einsatz aus?
Zesch: Das war ein Einsatz, bei dem ich die Einsatzkräfte betreut habe – also Einsatznachsorge, nach erfolgloser Reanimation. In diesen Situationen gibt es bei Einsatzkräften oft Schuldgefühle oder Zweifel und sie fragen sich, ob sie alles richtig gemacht haben. Bei einem meiner letzten Einsätze habe ich auch in der Wasserrettung Einsatzkräfte betreut, die das erste Mal einen Toten aus dem Wasser geborgen haben.

Maxeiner: Was war Ihr bislang härtester Fall?
Zesch: Die härtesten Fälle sind immer die, bei denen Kinder beteiligt sind. Wenn es um Kinder, und gerade um kleine Kinder geht, ist das auch für einen selbst schwierig zu verarbeiten. Plötzlicher Kindstod ist immer ein heftiges Thema.

Maxeiner: Welcher Fall hat Sie persönlich am meisten berührt und warum?
Zesch: Wir hatten mal einen Sturm in Berlin. Er tobte vor allem in Schwanenwerder. Zu dieser Zeit fand ein Jugendlager der Berliner Feuerwehrkinder dort statt. Während des Sturms wurden die Kinder evakuiert und alle auf einen zentralen Platz gebracht. Aber zwei der Kinder rannten nochmal in ein Zelt, weil sie noch etwas holen wollten. In diesem Moment ist ein Baum auf dieses Zelt gekracht. Beide Kinder waren sofort tot.
(Maxeiner: Das ist furchtbar!)
Ja. Zwei Sanitäter von uns waren mit einem Rettungswagen vor Ort. Noch bevor sie helfen konnten, krachte ein weiterer Baum auf ihr Auto. Nun kamen sie nicht an ihr Equipment heran. Beide haben sich unglaubliche Vorwürfe gemacht, weil sie nicht helfen konnten. Sie dachten immer, dass sie die Kinder vielleicht doch noch hätten retten können. Aber der Tod der Kinder hatte mit ihnen überhaupt nichts zu tun, denn beide Kinder sind von dem Baum erschlagen worden und waren sofort tot. Selbst wenn alles planmäßig verlaufen wäre und sie an ihre Ausrüstung herangekommen wären, hätten sie die Kinder nicht mehr retten können.

Maxeiner: Haben Sie auch die Angehörigen der beiden Kindern betreut?
Zesch: Die Angehörigen habe ich nicht betreut. Ich hab‘ mich um die Einsatzkräfte gekümmert. Wir haben sie auf die Rettungsstation des ASB gebracht und dort die ganze Nacht betreut.

Maxeiner: Das ist ein ganz besonders tragischer Fall. Gibt es denn auch schöne Dinge, die passieren, schöne Feedbacks, die Sie bekommen?
Zesch: Es gibt immer wieder schöne Rückmeldungen. Ich hab‘ in diesem Jahr ein Feedback von einer Frau bekommen, die ich in einen Einsatz geschickt hatte. Sie hat damals eine Familie mit Tochter betreut, deren Freund sich umgebracht hatte. Fast ein Jahr später hat sie einen Brief bekommen, in dem sich die Familie noch einmal bei ihr bedankte, weil sie es durch ihre Betreuung geschafft haben, mit der Situation umzugehen. Dass der Kontakt auch nach dem Einsatz fortbestand, war aber die Ausnahme, denn normalerweise haben wir später keinen Kontakt mehr mit den Angehörigen, Familien oder Hinterbliebenen. Wir helfen ganz akut, leisten Erste Hilfe für die Seele.
Auch direkt nach einem Einsatz, wenn ich mich von den Angehörigen und Hinterbliebenen verabschiede, gibt es immer wieder solche Rückmeldungen; Leute, die sagen „Gut, dass Sie da waren“. Das reicht mir eigentlich schon, denn es ist Lohn genug für meine Arbeit.

Maxeiner: Es gibt bestimmt auch Dinge in Ihrer Tätigkeit, über die
Sie sich richtig ärgern. Worüber haben Sie sich am meisten geärgert?

Zesch: Manchmal ärgere ich mich, weil man unsere Arbeit zu wenig wahrnimmt. Natürlich sind wir eine Truppe, die im Stillen arbeitet, und über unsere Einsätze erfährt kein Mensch etwas. Aber wenn es dann manchmal Leute gibt, die etwas abfällig über uns reden, so nach dem Motto „Ach, die Krisenintervention, was machen die schon?“, dann ärgert mich das.

Maxeiner: Wie schützen Sie sich davor, auszubrennen und wie können Sie nach Ihren Einsätzen am besten abschalten, was gibt Ihnen Kraft?
Zesch: Kraft gibt mir in erster Linie meine Familie. Mein Mann ist ja genauso lange beim Ehrenamt dabei wie ich. Wir haben uns damals über die Wasserrettung kennengelernt. Er steht also voll hinter mir. Manchmal fährt er mich auch zu den Einsätzen, damit ich mich ganz in Ruhe seelisch und moralisch vorbereiten kann. Er holt mich dann auch – wenn möglich – vom Einsatz wieder ab. Wenn man einen guten familiären Rückhalt hat, ist das in Ordnung. Und wenn ich das Bedürfnis habe, kann ich mit ihm über die Einsätze sprechen. Ansonsten haben wir auch regelmäßig Gruppensitzungen, in denen wir Einzelfälle besprechen und über Einsätze reden. Und wir bieten unseren Einsatzkräften immer eine Supervision an.

Maxeiner: Was bringt Ihnen das Engagement für andere Menschen für sich selbst?
Zesch: Die Zufriedenheit. Ich sehe, wo ich geholfen habe. Ich merke immer sofort, wie die Menschen reagieren. Wenn ich da bin und helfe, dann ist es für mich sofort greifbar, dass ich Menschen weitergeholfen habe. In einer Krisensituation einen Hoffnungsschimmer zu schaffen und Menschen zu helfen, da wieder ‚rauszukommen‘, das befriedigt mich sehr. Und es ist eben noch mal etwas ganz anderes als das, was ich täglich im Beruf habe. Da ist es immer laut und es gibt viel Stress. Was ich hier bei der Krisenintervention habe, ist ein guter Ausgleich für mich.

Maxeiner: Was haben Sie durch Ihre Arbeit beim ASB über sich selbst gelernt?
Zesch: Unser leitender Notfallseelsorger sagt immer „Frau Zesch braucht einen Tag mit 26 Stunden und keine 24“. Und mein Motto ist „Es geht immer noch irgendetwas“. Man kann über sich hinauswachsen, wenn man voll hinter dem steht, was man tut. Wenn ich von einer Aufgabe voll überzeugt bin, kann ich sie auch gut machen. Was ich in den vielen Jahren wirklich gelernt habe, ist, wenn ich eine Funktion übernehme, dann mache ich es voll und ganz. Ich habe aber auch gelernt, Nein zu sagen und meine Kräfte einzuteilen. Und ich kann mittlerweile ganz gut auch Aufgaben delegieren, muss nicht mehr alles selbst machen.

Maxeiner: Gibt es noch andere Dinge, die Sie
durch Ihre ehrenamtliche Arbeit gelernt haben?

Zesch: Ich denke, dass ich – auch durch meinen Beruf – gut mit Menschen umgehen kann. Und ich bin ein Mensch, der gebraucht werden möchte und auch froh ist, dass er immer noch gebraucht wird.

Maxeiner: Was würden Sie Menschen raten, die darüber nachdenken,
sich ehrenamtlich zu engagieren?

Zesch: Also wenn sie Zeit haben und diese Zeit sinnvoll für andere einsetzen wollen – und nicht nur eine Selbstbestätigung brauchen – dann sollten sie sich einfach mal umschauen. Es gibt ja unendlich viele Bereiche, ein Ehrenamt auszuführen.

Maxeiner: Gibt es eine Tipp oder einen Ratschlag, den Sie geben können,
wie Menschen das passende Ehrenamt für sich selbst finden?

Zesch: Wichtig ist, dass man seine eigenen Stärken und Schwächen richtig einschätzen kann. Dass man schaut, was man überhaupt zeitlich leisten kann. Und: Wichtig ist, nicht zu viel zu wollen; sich ein Ehrenamt zu suchen, das den eigenen Interessen entspricht. Denn nur dann wird es auch wirklich Spaß machen. Und: Ein Ehrenamt muss Spaß machen.

Maxeiner: Wie lautet Ihr Lebensmotto?
Zesch: Ich helfe jetzt und hier!

Maxeiner: Frau Zesch, ich danke Ihnen herzlich für dieses Gespräch.

Dr. Sandra Maxeiner


Anmerkungen von Jana Chantelau:

Um die Mitmenschlichkeit in der Gesellschaft zu unterstützen, wirkt Dr. Sandra Maxeiner u.a. im Förderkreis „Was wirklich zählt im Leben“ mit, zum Beispiel in Form einer Gesprächsreihe, die man in der aktionsbegleitenden Facebook-Gruppe lesen und mitbekommen kann: https://www.facebook.com/groups/was.wirklich.zaehlt.im.leben/

Über SATZBAUWERK - Jana V. Chantelau

In Berlin leite ich die Agentur SATZBAUWERK. Meine Schwerpunkte liegen in der Texterstellung, Kampagnen-Planung und Krisenkommunikation.

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