„Ein Todesfall wird vorbereitet“
Regie: Karl Fruchtmann

Pidax film media Limited (Alive AG)
Produktion des Westdeutschen Rundfunks (WDR) aus dem Jahr 1963

Freigabe: ab 0 Jahren

Als ich zum Ende der 1980er Jahre den Fernsehregisseur Karl Fruchtmann (1915 – 2003) kennenlernte, hatte er aus gesundheitlichen Gründen bereits aufgehört, kettenweise U.S.-amerikanische Zigaretten zu rauchen. Die Arbeit an dem kriminalistischen Kammerspiel Ein Todesfall wird vorbereitet (1963) wird ihn mutmaßlich allerdings noch ungezählte Kippen gekostet haben.
Denn zur Charakterisierung der handlungstragenden Figuren typisiert Karl u.a. ihr Rauchverhalten mit schwarz-humoriger Ironie und satirischer Abgründigkeit. Dramaturgische Stilmittel dieser Art tragen zwar dazu bei, die innerpsychischen Wirkmechanismen der Protagonist_innen zu skizzieren. Zudem bringen sie eine gestische Dynamik ins Bild, die die arg dialoglastige Erzählstruktur hin und wieder auflockert. Nichtsdestotrotz bleibt der Plotverlauf weitgehend unvorhersagbar und eigentümlich absurd.


„Die Einsamkeit des Langstreckenläufers“

Regie: Tony Richardson

EuroVideo Medien GmbH – Produktion von Michael Holden und Tony Richardson aus dem Jahr 1962
Freigabe: ab 16 Jahren

Mithilfe serieller Rückblenden analysiert das Sozialdrama von Tony Richardson (1928 – 1991) die milieuspezifischen Lebensumstände des 18-jährigen Straftäters Colin Smith (Tom Courtenay), um am Einzelfall aufzuzeigen, an welchen psycho-sozialen Faktoren sich die soziale Isolation eines Individuums festmachen kann, bis hin zur Inhaftierung und staatlich auferlegten Besserungsprogrammen.
Unter der Voraussetzung, dass Colin seine leichtathletische Begabung darauf verwendet, einen Lauf-Wettbewerb zwischen der Jugendstrafanstalt und einer öffentlichen Schule zu gewinnen, wird ihm nämlich die vorzeitige Haftentlassung in Aussicht gestellt. Im Auge der Öffentlichkeit würde ein solcher Erfolg die Rehabilitationsbestrebungen der leitenden Justizangestellten in ein positives Licht stellen und auch die allgemeinen Außenbeziehungen begünstigen.
Während der Trainingseinheiten denkt Colin folglich darüber nach, inwieweit der Akt des Laufens seine Unschuld einbüßt, wenn aus einer Form des gedankenklaren Selbstentzugs ein Prozess entsteht, der die läuferische Leistung zu einer Tauschware macht und dabei demonstrativ noch verspricht, die Erfüllung gesellschaftlicher Erwartungshaltungen mit reglementierten persönlichen Freiheitsgraden zu honorieren.
Die Psychografien seiner Erziehungsbeauftragten wägt Colin auch mit seinen eigenen Tagesritualen ab – u.a. mit der subversiven Kraft des Zigarettenkonsums und mit dem Freiheitsempfinden, das im Jahr 1962 durchaus damit einhergegangen sein mag.


„Coffee and Cigarettes“
Regie: Jim Jarmusch

Zweitausendeins Edition Film 215,
Produktion von Joanna Vicente, Jason Kliot, Gretchen McGowan und Stacey Smith aus dem Jahr 2003

Freigabe: ab 12 Jahren

Der lakonisch erzählte Episodenfilm von Jim Jarmusch besteht aus elf Kurzgeschichten, die logisch aufeinander aufbauen, von je zwei uneinigen Gesprächsparteien vorangetragen werden und allesamt von Kaffee und Zigaretten handeln – eben Coffee and Cigarettes.
Tabakabhängige Menschen halten eine solche Doppelung häufig für unteilbar, sodass die Frage nach den Begleiterscheinungen fast wie von selbst gestellt wird. Nicht zuletzt öffnet sich der Raum für Ersatzsüchte – zum Beispiel für Spielsucht, Auffälligkeiten in der Ernährung und dergleichen mehr.


„Thank You for Smoking“
Regie: Jason Reitman
Produktion von Twentieth Century Fox aus dem Jahr 2007

Freigabe: ab 12 Jahren

Die satirische Komödie von Jason Reitman portraitiert Nick Naylor (Aaron Eckhart), einen Tabak-Lobbyisten und Vize-Präsidenten der sogenannten Academy of Tobacco Studies (zu deutsch: Akademie für Tabakstudien). Zu seinem Freundeskreis gehört Bobby Jay Blies (David Koechner) – ein Waffen-Lobbyist – und die Lobbyistin Polly Bailey (Maria Bello), die sich für die Verbreitung des Alkoholkonsums mächtig ins Zeug legt. Zusammen bilden sie den Stammtisch „Merchants of Death“ (zu deutsch: Kaufleute des Todes), um Werbe-Strategien gegen die gesetzgeberischen Regulierungs- und Verbotsversuche in den Vereinigten Staaten (USA) auszuhecken. Obendrein macht ihnen der Bewusstseinswandel zu schaffen, der gesundheitsschädigende Lebensstile und Verhaltensmuster zunehmend sanktioniert und an die sozialen Ränder drückt.
Für das interessengesteuerte Trio gilt folglich als oberstes Gebot des Handel(n)s, die Krankheitsrisiken zu bagatellisieren und zu relativieren, insbesondere, indem man ihnen feurige Plädoyers zugunsten persönlicher Mündigkeit und individueller Entscheidungsfreiheit entgegengestellt. Juristische Fehden werden flugs als Ausweich- und Ablenkungsmanöver umgedeutet und als Forum für Debatten genutzt.
Trotz alledem wendet sich das Blatt für Nick kaum zu niedrigschwelligeren Schwierigkeitsgraden. Im Gegenteil: Er wird von militanten Nicht- und Ex-Raucher_innen entführt und en masse mit Nicotinpflastern beklebt. Diese Tortur überlebt er allein deshalb, weil sich sein Körper bereits an hohe Nicotin-Dosen gewöhnt hat und sie insofern zu ‚tolerieren‘ weiß.
Die Krux liegt nunmehr darin, dass Nick eine Hypersensitivität zurückbehält, plötzlich nie wieder rauchen kann, arbeitslos wird, seine öffentliche Reputation verliert und an einer Depression erkrankt… bis sein Sohn Joey (Cameron Bright) schlussendlich auf den Plan tritt und Nick vor Augen führt, wie sich sein rhetorisches Geschick alternativ verwenden lässt – zum Beispiel in Bezug auf Smartphones.
Von den Protagonist_innen wird von der ersten bis zur letzten Filmminute übrigens keine einzige Zigarette geraucht, denn:


„Zu glauben, dass wir etwas tun, während wir nichts tun,
ist die Hauptillusion des Tabaks.“
„The believing we do something when we do nothing
is the first illusion of tobacco.“
– Ralph Waldo Emerson (1803 – 1882), Philosoph und Schriftsteller –

Über SATZBAUWERK - Jana V. Chantelau

In Berlin leite ich die Agentur SATZBAUWERK. Meine Schwerpunkte liegen in der Texterstellung, Kampagnen-Planung und Krisenkommunikation.

»

  1. nomadenseele sagt:

    Ich suche seit Jahren zwei Filme, in welchen die Handlung davon beeinflusst wird, dass eine Frau am Anfang des Filmes sich für eine Zigarette entscheidet, im anderen nicht. Beide Filme gehören also zusammen und liefen vor Ewigkeiten auf Arte. Mehr weiß ich leider nicht. Kennt jemand die Filmnamen?

Kommentar zur Freigabe einsenden:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s