Liebe Blog-Leserschaft,

mit großer Freude veröffentliche ich den ersten Gast-Beitrag von Andy Weinert in diesem Blog. Er ist Erziehungsexperte bei Radio TEDDY und Heilpraktiker für Psychotherapie. Zudem lehrt er u.a. die Fachgebiete Kinder-, Jugend- und Familienberatung, Lernberatung, Mobbingberatung, Traumatherapie und Klientenzentrierte Gesprächstherapie (KZT).
Ich danke Radio TEDDY, dass ich die Fragen der Hörfunk-Redaktion rundweg in dieses Format übernehmen konnte.

Jana Chantelau

 

Gast-Beitrag von Andy Weinert: Interview mit Radio TEDDY – Oma ist jetzt im Himmel – Vom richtigen Umgang mit dem Thema TodRadio TEDDY: Der Umgang mit dem Thema Tod stellt viele Eltern vor eine besondere Herausforderung. Welche Empfehlungen können Sie Eltern hier geben?

Andy Weinert: In der kindlichen Erlebenswelt existiert kein vorgefertigtes Trauerprogramm. Kindern lernen den Umgang mit dem Thema Tod durch Erfahrungen, die sie mit Ihren Eltern machen.

Um über Tod und Sterben zu sprechen, muss man nicht auf eine konkrete Situation warten. Das Thema Tod setzt sich aus so vielen Facetten zusammen und kann bereits vor einem konkreten Ereignis besprochen werden.

Zum Beispiel durch naturkundliche Beobachtungen oder Lichtexperimente (hell und dunkel) können Kinder Vergänglichkeit als eine begreifbare Dimension erleben.
Auch durch die vor der Tür stehenden kirchlichen Feiertage wie Advent und Weihnachten sind weitere Anknüpfungspunkte gegeben, die ebenfalls nicht emotional belastend sind.

Konkret bietet die schwere Krankheit eines Großelternteils, der Tod im Familienkreis oder eines Haustieres einen Anlass, mit den Kindern ins Gespräch zu kommen. In diesem Zusammenhang müssen Fragen und Erzählungen der Kinder immer wahr- und ernst genommen werden, da die Eltern häufig emotional nicht in der Lage sind, sich dem Gespräch der Kinder zu stellen.

Trauer ist auch eine wichtige Erfahrung für Kinder, da Kinder Fröhlichkeit und Helligkeit besser wahrnehmen, wenn ihnen der andere Pol nicht verwehrt wird.

Radio TEDDY: Wann ist es sinnvoll, mit Kindern das Thema Tod oder Sterben zu thematisieren?

Andy Weinert: Bevor Eltern mit den Kindern über den Tod sprechen, ist es wichtig, wenn sie um das Todesverständnis von Kindern wissen.

Kleine Kinder begreifen bis zum dritten / vierten Lebensjahr nicht die Endgültigkeit des Todes. Kognitiv wie auch erlebnisorientiert ist dieses vom kindlichen Vorstellungsvermögen ausgeschlossen. Ihr Erleben ist es vielmehr: „Ich werde zum Kindergarten gebracht – und wieder abgeholt. Mama geht zur Arbeit – und kommt wieder“. Dass ein Elternteil das Haus verlässt und nicht zurückkehrt, ist in der Regel nicht der Fall.

Ab dem vierten Lebensjahr fangen Kinder an, Fragen zum Tod zu stellen. Sie sind durch den Gedanken an den Tod nicht emotional betroffen, eher neugierig und interessiert. Haben sie es in ihrem engsten Umfeld nicht erlebt, glauben Kinder vorerst, nur andere sterben.

Erfahren Kinder, dass auch Eltern sterben können, ist manchmal die Sorge um Wohnung, Essen und Trinken größer, als der mögliche Verlust von Mamas körperlicher Nähe. Spätestens mit sechs Jahren hat jedes Kind Kontakt mit dem Tod gehabt, sei es durch den Tod in der Familie, bei einem Haustier, der toten Maus im Garten oder Nachrichtenmeldungen von Katastrophen, Kriegen und Verbrechen. Die Endgültigkeit des Todes, den biologischen Tod, haben Kinder meist mit spätestens zehn Jahren verstanden.


Radio TEDDY: Wie kann ich das Thema Tod mit meinem Kind richtig besprechen?

Andy Weinert: Wichtig ist vor allen Dingen die Gesprächsbereitschaft. Es geht auch nicht darum, alles „richtig“ zu wissen. Manche Fragen kann man den Kindern allgemein biologisch erklären, manche Antworten kann nur jeder Mensch für sich selber geben, da das Thema auch mit der eigenen Sinngebung jedes Einzelnen zusammenhängt.

Bei der klassischen Frage “Wo ist jetzt meine Oma?“ ist es wichtig, eine ehrliche und authentische Antwort zu geben. Dieses beinhaltet auch die Zweifel und die Hilflosigkeit. Unterschiedliche Glaubensauffassungen und Meinungen verwirren nicht die Kinder, sondern zeigen die Pluralität des Lebens auf.

Ein Kind, das eine Frage zum Leben nach dem Tod stellt, hat sich vorher in der Regel schon eigene Gedanken dazu gemacht. Hier haben Erwachsene immer die Möglichkeit, zurück zu fragen: „Was glaubst du denn?“ So können wertvolle gemeinsame Stunden entstehen.


Radio TEDDY: Manche Eltern sorgen sich, dass das Thema Tod ihre Kinder verängstigt. Welche Empfehlungen können Sie hier geben?

Andy Weinert: Falls die Kinder keine furchtbaren Horrorgeschichten im Kindergarten gehört haben, kann man jedoch davon ausgehen, dass das Kind für sich vielleicht schon viele Gedanken zum Tod gesammelt hat und nun zum Glück einen Anlass findet, dazu zu erzählen, zu fragen und auch Ängste auszudrücken.

Wenn Kinder spüren, dass traurige Themen ein Tabu sind, Bezugspersonen „so komisch“ darauf reagieren, stellen sie vielleicht keine Fragen mehr. Sie suchen ihre Informationen woanders, Bilder ihrer Phantasien sind oft schrecklicher als die Tatsache selber.

Die Sorge mancher Eltern, das Thema Sterben wäre nichts für Kinder, drückt oft nur die eigene Berührungsangst hierzu aus. Aber auch hier können Gespräche mit Kindern für erwachsene Menschen durch eine andere Sichtweise heilsam sein.
Jede Träne, die geweint wird, jede Erinnerung, Wut und Not, die ausgesprochen wird, hilft großen und kleinen Menschen, Trauer gesund zu verarbeiten.

Radio TEDDY: Wie trauern Kinder?

Andy Weinert: Ob und wie ein Kind trauert, ist abhängig von der Beziehung oder Abhängigkeit, die zu dem verstorbenen Menschen oder Tier bestand.

Zeichen der Trauer können Tränen, aber auch Wut, Aggression, Depression, Schweigen, Überaktivität und vieles mehr sein. Jede Form der Trauer ist erst einmal normal, man kann keinem Menschen vorschreiben, wie man richtig oder falsch trauert.

Eltern berichten manchmal besorgt, dass die Erzieherin professionelle Trauerhilfe empfohlen hat, weil das Kind nach dem Tod des Opas nun schon mehr als sechs Wochen traurig ist. Hier sei noch einmal deutlich gesagt: Es gibt keine festgelegte Trauerzeit. Ein Kind kann und darf sogar ein Leben lang von Zeit zu Zeit traurig sein, dass der geliebte Opa nicht mehr da ist. Es sollte nur nicht ständig trauern!

Professionelle Trauerhilfe ist jedoch immer dann notwendig, wenn sich ein trauernder Mensch in seinem Wesen zum Nachteil verändert: Ein fröhliches Kind findet keinen Grund mehr zu lachen, der Freundeskreis hat sich aufgelöst, es kommen keine Kontakte mehr zustande, man hat keine Interessen mehr an Aktivitäten.
Hier ist es oft angebracht, wenn Hilfe von außen in Form von Begleitung in die Familie gebracht wird. Trauerbegleitung empfiehlt sich auch immer dann, wenn ein plötzlicher, in das Familiensystem eingreifender Tod eintritt, ein Geschwisterkind stirbt oder die Familie aus weiteren Gründen sich nicht mehr untereinander helfen kann.

Radio TEDDY: Was möchten Sie den Eltern abschließend auf den Weg geben?

Andy Weinert: Es gibt viele Möglichkeiten, das Thema Abschied, Sterben, Tod und Trauer, aber auch Hoffnungsbilder der Auferstehung, Wiedergeburt, Weiterleben etc. anhand von Naturbeispielen zu erleben. Der kahle Baum im Winter – die Blüten im Frühling – die Früchte im Sommer – die Farbenpracht im Herbst: Niemand, der im Winter das erste Mal in seinem Leben einen Baum sehen würde, könnte sich diese Verwandlung vorstellen.

Den Tod in den Lebensalltag miteinzubeziehen ist für Kinder und Eltern eine Bereicherung, keine traurige Angelegenheit. In der Arbeit mit Eltern und Kindern kann ich immer wieder feststellen, wie ideenreich, praxisnah, wie gefühlsbezogen und deshalb lebendig auch der Umgang mit Tabuthemen wie dem Tod sein kann.

Es ist gar nicht so schwierig, wenn wir uns eben nicht bemühen, unserem Kind auch unsere Überzeugung aufzuzwingen, sondern einfach von den Dingen reden, von denen wir hoffen, dass unsere Kinder sie weiter entwickeln.

Radio TEDDY: Haben Sie Buchvorschläge?

Andy Weinert:
• „Mit Kindern trauern“ von Gertraut Finger im Kreuz-Verlag (2001)
• „Kinder trauern anders“ von Gertrud Ennulat im Herder-Spektrum-Verlag (2003)

 

Anmerkungen von Jana Chantelau:
Andy Weinert hat eine eigene Praxis in Berlin. Zu seinen besonderen Arbeitsschwerpunkten gehören u.a. die Identitäts- und Persönlichkeitsbildung des Menschen, Mediencoaching, Traumatherapie und Sexualtherapie.
An jedem zweiten Donnerstag im Monat, jeweils von 9:00 Uhr bis 12:00 Uhr, beantwortet er die Fragen der Hörer_innen von Radio TEDDY zu den Themenbereichen Erziehung, Schule und Lernen.

„Wie du redest, so ist dein Herz.“ „As you talk, so is your heart.“
– Paracelsus (1493 – 1541), Alchemist und Arzt/ physician and alchemist –

Über SATZBAUWERK - Jana V. Chantelau

In Berlin leite ich die Agentur SATZBAUWERK. Meine Schwerpunkte liegen in der Texterstellung, Kampagnen-Planung und Krisenkommunikation.

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