Die eigene Wohnung vom Keller bis zur Küche aufzuräumen setzt die Bereitschaft zur Reflexion voraus, wie auch den Bezug zur Gegenwart, Distanzfähigkeit, Entschluss- und Entscheidungskraft. Denn einerseits stehen Entscheidungen darüber an, welche Objekte ihre Relevanz behalten, verändert oder verloren haben. Andererseits folgt darauf die Frage, welchen Platz man für etwas aufrechterhält oder neu zuweist.

Die gute Nachricht ist, dass sich daraus in der Regel eine selbstwirksame Strukturierung ergibt – zum Beispiel, weil sichtbar wird, wie sich die teils persönlichen, teils gemeinschaftlich getragenen Interessen und Bedeutungsinhalte verlagert haben. Weniger als vorher behalten zu wollen bedeutet zudem, mehr Platz als bisher zu bekommen. So gerät ins Bewusstsein, welche Gegenstände man getrost an andere Menschen weitergeben mag – etwa, weil sie von ihnen zweckgemäßer angewandt werden als von einem selbst und deswegen doch noch allseits Freude schaffen können.

Vor diesem Hintergrund beurteile ich u.a.,

  • …was mich be- oder entlastet – oder ohnehin wenig ins Gewicht fällt;
  • …in welche Zusammenhänge ein Objekt aus sich selbst heraus passt;
  • …ob es also einen prädestinierten Platz bereits gibt;
  • …ob oder wie sich etwas verändern würde, wenn ich einer Gruppe von Gegenständen einen neuen Raum zuwiese: Wäre eine solche Neuverortung eher gut oder eher schlecht?

Denn die Art, wie ein Zimmer genutzt wird, ist kaum von den ‚Dingen an sich‘ zu trennen, die in diesem Raum ihre Stelle bereits bezogen haben und gerade so auch wirken. Deshalb ist mir wichtig, den Überblick darüber zu wahren, wie viel ich von etwas will oder brauche, bis ich – wortwörtlich genommen – ‚genug davon‘ habe. In der Folge kehren Werte, die bleiben, prominenter als sonst in die eigene Wahrnehmung zurück.
Mit Bedacht beziehe ich dabei auch diejenigen ein, die die Räume mit mir gemeinsam ‚beleben‘. Wenn ich zum Beispiel staunend feststelle, dass das Kinderspielzeug inzwischen fast überall ordentlich verortet ist, ist das zwar ein Kuriosum, aber mehr noch eine Abbildung meines gegenwärtigen Lebensrahmens. Als Patin eines Kindes kann ich nämlich zugewandt darüber schmunzeln, solange das Ausmaß keine Oberhand nimmt, solange sich der Schwerpunkt dieser Sachen trotzdem bloß auf einen Raum begrenzt und ich gewahr darüber bleibe, dass der Mensch allemal wichtiger ist als das, was im Jetzt und Hier beiseite liegt.
Ungeachtet individueller Entwicklungen, aktualisierter Ordnungssysteme und LOVOS-Lifestyles ist das Aufräumen schlussendlich ein Prozess, der für mich stets wie neu beginnt. Denn meine Gegenstände zu sichten und zu gewichten, zu sortieren oder auszusortieren braucht nichts außer Zeit, öffnet alternative Sichtachsen und Bedeutungstiefen und trägt dadurch dazu bei, mein Alltagsleben nach Augenmaß im Lot zu halten. Und:

„Eines Tages wird alles gut sein, das ist unsere Hoffnung.
Heute ist alles in Ordnung, das ist die Illusion.“
„Un jour tout sera bien, voilà notre espérance.
Tout est bien aujourd’hui voilà l’illusion.“
– Voltaire (1694 – 1778) – 

 

Über SATZBAUWERK - Jana V. Chantelau

In Berlin leite ich die Agentur SATZBAUWERK. Meine Schwerpunkte liegen in der Texterstellung, Kampagnen-Planung und Krisenkommunikation.

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